(IMHO) Kapitel fünfzehn: Ihr lieben #prayforparis Poster,

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…bevor ich hier anfange was zu schreiben, möchte ich von vornhinein klar stellen, dass alles unten Geschriebene meiner persönlichen Meinung entspricht und ich nicht die Absicht habe, damit Jemanden in irgendeiner Weise persönlich anzugreifen. Terroristische Anschläge gehören zu den wohl feigsten, hinterhältigsten und unmenschlichsten Handlungen zu denen Menschen fähig sind. Auch ich bin entsetzt über die Anschläge in Paris und auch ich möchte allen Betroffenen mein Beileid zu ihren Verlusten ausdrücken.

 

Aber bitte Menschen dieser Erde,  Profilbilder in den Farben der französischen Flagge, angestrahlte Denkmäler und Staatspaläste in Blau-Weiß-Rot?

Seid ihr so naiv? Ist der Horizont der First World wirklich so begrenzt?

An all die Profilbilderfärber und #PrayforParis- Poster: Wem trauert ihr denn da in Paris eigentlich nach? Menschen, die ihr gar nicht kennt, geschweige denn mal gesehen habt. Und weshalb? Wohl weil diese nicht ganz so fern wohnen, wie jene Millionen, die seit Jahren im Bürgerkrieg ums nackte Überleben kämpfen, vor Hunger sterben oder unter der Tyrannei eines Herrschers leiden. Ebay sammelt Spenden für die Hinterbliebenen Opfer in einem hochentwickelten Industriestaat mit einem halbwegs funktionierendem Sozialsystem. Man bestrahlt aufwändigst die größten Gebäude der Erde, um sein Mitgefühl für Paris auszudrücken. Deutschland hat Frankreich die tatkräftige Mithilfe im Krieg gegen den IS zugesagt. Zugesagte Summe mehrere Millionen Euro.

Zur Erinnerung: Das deutschen Militär hätte die Rettung eines Flüchtlings aus dem Mittelmeer 760 Euro gekostet. Aus dem deutschen Innenministerium hieß es damals: „Man hätte dafür weder das Mandat, noch die Ressourcen.

Menschen ertranken vor unseren Haustüren und werden noch heute an die Ufer des Mittelmeers gespült. Man änderte deshalb nicht gleich sein Facebook Profil. Lediglich der ertrunkene Junge, dessen Tod musste dann wohl wirklich nicht sein.

Und jetzt? Man trauert jenen Menschen nach, die im Staat mit der fünftgrößten Wirtschaftsleistung der Erde leben, wo nur jeder Zehnte keine Arbeit hat und wo jährlich rund 2000 Menschen ins Krankenhaus müssen, weil sie auf Hundekot ausgerutscht sind. Eben so ein Staat, wie Österreich oder Deutschland.

 

Vielleicht haben viele jetzt davor Angst, dass es nun in ihrer Stadt oder in ihrer Ortschaft zu Anschlägen kommt. Und wahrscheinlich haben auch einige vor dem IS Angst, diesem aufgebrachten Haufen von Religionsfanatikern, welche ihren extremistischen und sprengstoffhaltigen Kleinmut in Großstädten Gassi führen müssen. Aber deshalb schreit man ja auch im gleichen Atemzug mit #Prayforparis auch „Fuck Terrorism“. Damit meinen wir dann meistens jenen Terrorismus vom 9/11, die Anschläge in Madrid 2004 oder eben jetzt Paris 11/15. Ist aber auch beschissen. Da kommen Islamisten und greifen uns hinterhältig mit unseren eigenen Waffen an. Unverschämt, was?

Es war das Jahr 1953, da herrschte im Iran der demokratisch gewählte Mossadegh. Er trat für die Trennung von Staat und Religion ein und für die Stärkung der Frauenrolle. Aber er wollte die Ölreserven des Iran verstaatlichen, um damit das Sozialsystem seines Landes zu stärken. Ein „westlich“ organisierter Militärputsch verleitete diesem ehrlichen Vorhaben ein jähes Ende. Eine Diktatur unter westlicher Kontrolle entstand, welche unter der hungernden Bevölkerung die ersten Extremisten hervorruft. Als das ach so böse Russland für Ordnung sorgen will, rüstet man dort mit westlichen Geld eine Randgruppe der Extremisten. Kopf dieser extremistischen Vereinigung: Osama bin Laden. Es taucht Herr Saddam Hussein auf, ein Mann mit Interesse am Öl im Irak und im Kuwait. Die UN verhört zufällig eine Hebamme, welche bezeugt, dass in Kuwait Säuglinge in Brutkästen ermordet werden. Ein schlüssiger (und zeitlich passender) Grund für eine Kriegserklärung und man überfällt Kuwait, den Irak und Afghanistan. Fazit bisher: über 1.000.000 zivile Opfer. Nach der Ermordung von Osama bin Laden, sieht man den Job im Nahen Osten als – mit Gewalt – erfolgreich erledigt an und verschwindet langsam wieder. Bilanz: Eine weitere halbe Million Tote.  Das Chaos wird von der IS genutzt und man organisiert sich mit Hilfe westlicher Waffen, westlichem Know-How und westlicher Technik zu einer noch größeren extremistischen Vereinigung, die irgendwie einen unverständlichen Hass gegen den Westen besitzt. Ach ja, mit Westen meine ich die USA und Europa, auch wenn wir uns in dieser Definition gerne vergessen.

 

Und wir, die Waffenexportweltmeister Deutschland und Österreich verstehen die Welt nicht mehr.

Wir sitzen in unseren sicheren Heimen, den Kühlschrank voller Lebensmittel, die Heizung auf Wohlfühltemperatur und schauen verdutzt auf die Bilder in Paris, welche mittels Glasfaser in unsere LED Fernseher geschossen werden. Man postet Prayforparis Bilder, liked Anti-Terror Posts und fragt sich: Wie kommen Menschen aus dem Nahen Osten auf die Idee, Staaten des Westens anzugreifen? Was haben wir denen getan?

 

Stempelt mich ruhig als jemanden ab, der den Anschlag auf Paris missbilligt, jemand der von nichts eine Ahnung hat oder als jemand der sich einfach nur über andere aufregen will.

Ich bin der Meinung, wir sitzen alle zusammen in einem (sehr kleinen) globalen Boot. Also macht nicht den gleichen Fehler wie unsere Generation davor, informiert euch, bildet euch eine eigene Meinung und hinterfragt  jeden Brocken den euch Facebook, Google, die BILD, Pro7 oder von mir auch das ZDF in den Rachen werfen.

Und wichtig: #prayforabetterworld!

 

Anmerkung der Redaktion: ein geschichtlicher Fehler wurde um 14.45 korregiert (18.11.15). Danke an den aufmerksamen Leser.

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