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„Say it loud – say it clear – refugees are welcome here!“ Meine Erfahrungen bei Train of Hope am Wiener Hauptbahnhof

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Ich gebe zu, ich war nicht immer Stolz darauf Österreicherin zu sein, aber in diesen Tagen bin ich es. Was in Wien momentan (vor allem von Privatpersonen) geleistet wird ist überwältigend. Ich hatte die Möglichkeit für eine kurze Zeit ein Teil dieser Hilfsbereitschaft zu sein. Ich war von 6.9.-8.9. Mitglied von „Train of Hope“ am Wiener Hauptbahnhof und diese Erfahrungen möchte ich mit euch teilen.

Täglich lesen wir von den Flüchtlingen, von Fremdenhass und großer Hilfsbereitschaft. Täglich sehen wir Bilder die uns die Tränen in die Augen treiben. Auch ich wollte irgendwie helfen – irgendetwas tun. Kleider habe ich gespendet, Petitionen unterschrieben, Beiträge geteilt und gelikt, dass sie sich möglichst schnell verbreiten. Irgendwie war es mir aber doch noch zu wenig. Also beschloss ich kurzerhand nach Wien zu fahren, um dort direkt mitzuhelfen. Das ÖBB Ferienticket war noch gültig und einen Schlafplatz würde ich sicher auch bei meinem Bruder oder Freunden finden. Mit Helfern vor Ort war, dank Sozialer Medien, schnell Kontakt aufgenommen. Ich wurde sofort großartig von meiner Familie, meinem Freund und seiner Familie unterstützt. Egal ob es um die Bezahlung des Öffis-Ticket, Schlafplatz, eventuelle Unterkunft in einem Hotel oder Jause für die Zugfahrt ging, alles wurde innerhalb weniger Stunden besprochen und organisiert. Vielleicht sind das Kleinigkeiten, aber solche die mich freuten und mich für die nächsten Tage bestärkten.

Andrea Schartner mit zwei Flüchtlingskindern

„You are in Austria, welcome to Vienna!“

In Wien angekommen war am Westbahnhof einiges los. Der normale Betrieb lief, aber man erkannte immer wieder Flüchtlinge. Der hinter ihnen liegende Weg, hat klare Spuren hinterlassen. Ein Freund nahm mein Gepäck entgegen, damit ich gleich weiter zum Hauptbahnhof fahren konnte. Der Unterschied zwischen Haupt- und Westbahnhof war bzw. ist, dass die Hilfeleistung am Hauptbahnhof zu 100% privat organisiert wird, während am Westbahnhof die Caritas vieles organisiert. Wie diese private Organisation am Hauptbahnhof genau ausschaut konnte ich mir anfangs gar nicht vorstellen. Am Hauptbahnhof ging ich auf gut Glück auf einen Bahnsteig und fand gleich die ersten Helfer, die ich ansprechen konnte. Einer der Freiwilligen begleitete mich zum Koordinationsbüro und erzählte mir, dass er selbst vor 14 Jahren als Flüchtling nach Wien gekommen ist. Es ging ihm immer gut hier, aber die letzten Tage am Hauptbahnhof haben ihm erst richtig gezeigt zu was Österreich fähig ist und so Wohl wie in den letzten Tagen am Hauptbahnhof habe er sich noch nie in Österreich gefühlt. Er sagte, ich würde sicher selber bald verstehen was er damit meinte.

Essensausgabe für Flüchtlinge

Nachdem meine Kontaktdaten aufgenommen waren, wurde ich auch sofort als Helferin eingeteilt. Die erste Aufgabe war es Flüchtlinge zum nächsten Zug zu begleiten. Obwohl der Zug bereits Verspätet war, warteten die Schaffner der ÖBB trotzdem bis auch der Letzte im Zug war. Danach konnte ich mich im „Lager“ umsehen. Ich entdeckte Schlafplätze, ein Lazarett, eine Spieleecke für Kinder, Essensstationen, Materiallager, ein Büro und war wirklich von der Professionalität überrascht. Aufgaben gab es genug: Müll einsammeln, Menschen begrüßen, Kleider und Essen austeilen, Menschen zu den richtigen Zügen, Bussen und Straßenbahnen begleiten, Organisation, Security, etc. Aufgrund der großzügigen privaten Spenden war es möglich die Ankommenden gut zu versorgen: Sie bekamen reichlich Essen und Trinken, ärztliche Versorgung, sichere, warme Schlafplätze, neue Kleidung und Schuhe. Alles was man am Hauptbahnhof findet wird Großteils von Privatpersonen gespendet: jede Decke, jede Banane, fast jedes Medikament, jedes Kinderspielzeug, jedes Klebeband, jeder Kinderschuh, einfach alles. Wenn irgendetwas ausgeht, dann wird es kurz auf Facebook und Twitter gepostet und es kommen wieder freiwillige Helfer mit den benötigten Dingen.

Schlafzone

Die meisten „Reisende“ kommen aus Ungarn (teilweise zu Fuß) und sind anfangs etwas skeptisch. Die Ankommenden sind sehr erschöpft, viele krank. Die meisten haben sehr wenig Gepäck, viele kommen ganz ohne. Immer wieder sieht man Menschen, die mit Sandalen, also ohne feste/warme Schuhe und ohne Socken kommen. Manche Kinder (vor allem Babys) kommen barfuß. Man muss ihnen das Essen und die Kleidung fast „aufzwingen“. Sie wären mit einem Apfel und Schuhen für die Kinder zufrieden und man hat ständig das Gefühl sie wollen einem nicht zur Last fallen. Aus einem nächsten ankommenden Zug stiegen wieder geschätzt über hundert Flüchtlinge aus und ein älterer Mann mit Familie sprach mich auf Englisch an „Where are we? We want to go to Austria!“ Ich antwortete: „You are in Austria! Welcome to Vienna!“ „No? No? No?“ „Do you need anything? Food, drinks, clothes, a doctor?“ Aber den letzten Teil hörte er gar nicht mehr, denn er hatte bereits zu weinen begonnen.

Playground

Das Ziel: Hilfe leisten

Wenn man einmal hilft, dann fällt es einem schwer Heim zu gehen. Man ist weder müde, noch hungrig oder durstig. Man spricht mit den Menschen, sieht die Blicke und lernt die Helfer kennen. Auf einmal hört man wieder: „In 10 Minuten kommt ein Zug in dem Flüchtlinge sein könnten! Macht euch bereit, 15 Menschen bitte auf den Bahnsteig, Einkaufswagen mit Wasser füllen, Lunchpakete bereithalten, Dolmetscher zum Bahnsteig! Verletzte und kranke Kinder sofort in die Krankenstation!“. Ob wirklich Flüchtlinge kommen oder nicht wussten wir nie. Besonders beeindruckt war ich aber wirklich von den Helfern: von deren Bereitwilligkeit zu Spenden, deren Ausdauer, Herz und Engagement. Man lernte Menschen aus allen Schichten kennen, Hausfrauen, SeniorenInnen, Kinder, ÄrztInnen, Juristen, Studierende usw. Alle hatten das gleiche Ziel: Hilfe leisten. Auch die Helfer passten aufeinander auf. Man achtete darauf, dass alle regelmäßig Essen, Trinken und Schlafen. Man umarmte sich immer wieder (was sehr, sehr wichtig war) und lachte auch mal gemeinsam.

Train of Hope

Meine Hauptaufgabe war schlussendlich die der „Schichtleiterin“. Ich war dafür zuständig die freiwilligen Helfer zu koordinieren und einzuteilen. Durch die private Organisation gibt es zwar einen Hauptinitiator (Julian Pöschl) aber es gibt keinen wirklichen „Chef“ in jeder Schicht. Es gibt ein Kernteam mit Personen die sehr viel Zeit dort verbringen und sich bereits gut eingearbeitet haben und auskennen. Offizielle NGOs oder ähnliches arbeiteten in diesen Tagen nicht mit. Das System funktioniert trotzdem, aus dem simplen Grund, dass alle HELFEN wollen. Jedem ist im Prinzip egal was und welche Aufgabe er übernimmt, jeder „macht“ einfach und ist mit viel Engagement und Hausverstand dabei. Keiner beschwert sich, weil er gebeten wird Müll einzusammeln und der Freund/die Freundin währenddessen Essen verteilt. Für jede Aufgabe wird sofort jemand gefunden – so sollte Teamwork funktionieren. Das größte Problem war, dass wir leider fast keine Informationen von öffentlichen Stellen (außer ÖBB) bekamen, also manchmal innerhalb von Minuten reagieren mussten.

Glückliche Flüchtlingskinder

Und ja, die Prophezeiung vom Anfang hat sich zu 100% bestätigt. Ich war vom 6.9.-8.9. ein Teil von Train of Hope und ich habe mich in meinem Land noch nie so wohl gefühlt wie in diesen paar Tagen . Mir wurde oft gesagt, wie toll es ist, was ich gemacht habe. Mir selbst ist das aber eher unangenehm, für mich war mein Helfen selbstverständlich. Ich möchte meine Erfahrungen teilen um das Projekt zu verbreiten. Ich war nur ein kleiner Teil von einem einmaligen Team, das großartige Arbeit leistete und auch immer noch tut.

Wenn ihr aus der Ferne helfen und eine Aktion unterstützen wollt wo das Geld 100% ankommt und etwas bewirkt:
Spendenkonto „Train of Hope“
IBAN AT19 2011 1295 3760 3100
BIC GIBAATWWXXX

Text und Fotos: Andrea Schartner

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