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Internationales Filmfestival Innsbruck 2015 – ein Filmfestival, zwei Meinungen

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Fünf Tage. 47 Filme. Ungezählte Stunden in dunklen Räumen. Das Internationale Filmfestival (IFFI) ging vom 2.-7. Juni in seiner 24. Auflage über die Bühne und holte die (cineastische) Welt nach Innsbruck. Wir haben zwei unserer Redaktionsmitglieder in die Kinosäle gesetzt.

Kino bewegt (von Melanie Hirsch)

Kino bewegt, erweitert Horizonte, prägt neue Sichtweisen, fordert heraus, schockiert, erweckt Neugier und nimmt auf eine spannende und emotionale Reise in fremde Welten mit. Genau so stelle ich mir Kino vor! In der heutigen einheitlichen Hollywood-Filmemaschinerie sind diese Werte schon längst in Vergessenheit geraten. Action, Sex, Gewalt und oberflächliche Liebe ersetzen wahre Emotionen, Kultur und eine gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit den wirklich wichtigen Themen dieser Welt. Dass so die Zukunft des Mediums Film nicht aussehen muss, hat mir das 24. IFFI in nur sechs Tagen auf eine eindrucksvolle Weise bewiesen. Neben mitreißenden Dokumentarfilmen stand das diesjährige Festival ganz im Zeichen der Jugend.

Regisseure aus den unterschiedlichsten Ländern schafften eine einzigartige Atmosphäre rund um den Alltag von Kindern und Jugendlichen aus Afrika, Asien und Südamerika. Die Welt mit deren Augen wahrzunehmen, zählt für mich zu den prägendsten Momenten des IFFI. Gesellschaftliche Probleme bekommen durch eine naive aber gleichzeitig schonungslose Wiedergabe der Realität über die Augen der Jüngsten einer Gesellschaft neue Dimensionen, wodurch ein bislang vernachlässigter Zugang zu diversen Themen möglich wird. In diesem Sinne möchte ich den Kinobegeisterten unter euch den venezuelanischen Film PELO MALO (bad hair) ans Herz legen.

Pelo Malo erzählt die Geschichte eines kleinen Jungen und seiner alleinerziehenden Mutter. Beide kämpfen mit den Tücken des Alltags, jeder auf seine Art und jeder für sich. Für Junior dreht sich alles um seine „bösen Haare“, die sich keinen Millimeter bändigen lassen. Für seinen Traum, die wuscheligen Haare für das Schuleingangsfoto zu glätten, um einem westlichen Kinderstar zu ähneln, ist Junior bereit, alles zu tun. Doch Marta, seine Mutter, unterstützt ihren Sohn keineswegs, zu groß ist ihre Angst, er wäre aufgrund seines sensiblen Verhaltens homosexuell. Überfordert mit dieser Tatsache und dem Bewusstsein, dass Junior Probleme in der harschen Umgebung der Gettos haben wird, stößt sie Junior von sich. Pelo Malo ist ein packendes, emotional geladenes Familiendrama, das über den Wuschelkopf eines kleinen Jungen und dessen Kampf mit seiner Mutter einen Einblick in die vielschichtigen gesellschaftlichen Probleme Venezuelas ermöglicht und zum Nachdenken einlädt.

 

Wanderung am Grat der Betroffenheit (von Ulrich Ringhofer)

Hungernde Kinder. Aus ihrer zerbombten Heimat flüchtende Familien. Alleinerziehende Mütter an den Grenzen ihrer Belastbarkeit. Der Betroffenheitsfilm gedeiht in seiner eindimensionalen Blüte wie eh und je und zeigt dies gerade auf Filmfestivals nur zu gern. Ausnahmen, wie das /slash oder Tyrolean Independent Film Festival (TyIFF) sind seltene Bühnen für Alternativen und Genrefilme, denn gerade im deutschen Sprachraum erfreuen sich die klassischen Aufarbeitungen der Gräuel des zweiten Weltkriegs oder afrikanische Hungersnöte einer ausgesprochenen Beliebtheit.

Auch beim International Film Festival Innsbruck (IFFI) kann schnell dieser Eindruck entstehen. Betrachtet man das Programm, scheint mit Filmen wie „We come as friends“ (Missstände im Sudan), „Grigris“ (im Tschad lässt sich ein Tänzer mit Schmugglern ein) oder „Coming of Age“ (Aufwachesn in Lesotho) eine gewisse Färbung auf. Obwohl sich diese auch nach 5 Tagen Festival nicht leugnen lässt, ist das IFFI aber doch auf keinen Fall in ein Eck zu stellen. Gerade der lateinamerikanische Teil des Festivals geht mit Geschichten wie „Omega 3“, „Malacrianza“ oder „Parabellum“ wundervoll abwegige Pfade, während der Kurzfilmblock der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen die ohne weiteres begehbaren Wege komplett verlässt und vollends in die Tiefen des Kunstfilms abtaucht.

Insbesondere hervorzuheben ist die österreichisch-argentinische Produktion „Parabellum“. Hier verlässt der Protagonist Hernán Buenos Aires, um im nahegelegenen Tigre-Flussdelta mit einer Gruppe vermeintlicher Durchschnittsbürger an einem Überlebenstraining teilzunehmen. Die dort erworbenen Fähigkeiten und die, aus der Isolation und Paranoia ob eines befürchteten Weltuntergangs resultierenden, mentalen Veränderungen werden hier zu einer nur allzu gefährlichen Mischung.
Mit dem äußerst sparsamen Einsatz von Exposition, kombiniert mit einer fortschreitenden Farbentsättigung und langen, fast schon „seidlerischen“ Kameraeinstellungen, schafft Regisseur Lukas Valenta Rinner einen Film, der in seiner fieberhaften Atmosphäre eine unterschwellige Bedrohlichkeit entwickelt, die sich fast mit Händen greifen lässt und auf jeden Fall an den Kinosessel fesselt.

Foto: IFFI

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