Innsbrucks kalte Frühlingsnächte

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Ich erzähle euch eine Geschichte. Die Geschichte eines Mädchens, welches ihres Weges geht. Sie blickt nicht nach links und nicht nach rechts. Sie setzt einen Fuß vor den anderen und lässt sich nicht aus ihrer rhythmischen Bewegung bringen. Betrachtet nicht ihre Umwelt, sondern ist in Gedanken versunken. Behält aber ihr Ziel ganz genau im Auge – das Ende dieser Straße zu erreichen. Dieses Mädchen wuchs in einem behüteten 500-Seelen-Dorf auf. Und entwickelte sich in einer behüteten 12.000-Einwohner-Kleinstadt zu einer jungen Erwachsenen. Furchtlos. Naiv? Zumindest gutgläubig jedem Menschen gegenüber.

In jener Nacht wirft sie keinen Blick nach links oder rechts. Hätte Gott sie mit Augen am Hinterkopf gesegnet, hätte sie ihr Ziel, ihr Zuhause, vielleicht ohne Tränen erreicht, die aus ihren Augen kullern. Aus den Augen, mit denen sie Gott gesegnet hat.
Ein Gott dieser Welt segnete sie aber mit hellhörigen Ohren. Doch als sie die schneller werdenden Schritte hinter sich vernimmt, ist es bereits zu spät. Er hat seinen rechten Arm schon über ihre Schulter gelegt. Er stört ihre regelmäßigen Schritte. Lässt sie nicht mehr los. Fragt um ihr Wohlbefinden. Natürlich fühlt sie sich gut, sie sei ja soeben auf dem Heimweg von diesem Club da gleich um die Ecke. Mit einer flinken Bewegung entwendet sie sich dem Mann, der sich einen halben Schritt zurückfallen lässt. Eine Millisekunde lang breitet sich der Gedanke in ihr aus, sie könne nun unbeschadet ihr Ziel erreichen.

Das Mädchen wird aber genau diese Millisekunde später wieder in diese kalte Frühlingsnacht zurückgerissen. Und zwar durch eine Hand, die von hinten ihren Schritt mit festem Griff umfasst und ihren unwilligen Körper in die entgegengesetzte Richtung reißt. Sie kann den Ernst in der Stimme des Mannes hören, als er sie auffordert, sich vor ihm auf die Füße fallen zu lassen. Sich hinzuknien und ihren Mund das Werk vollbringen zu lassen.

Ein zielgerichteter Schlag auf seinen Brustkorb lässt das eiskalte Händchen zurückschnellen in die Dunkelheit. Das Mädchen beginnt zu rennen. Aber schon nach wenigen Schritten unterbricht sich diese Regelmäßigkeit von selbst. Sie spürt erste Tränen ihre Wangen hinunterkullern. Unterstützung sucht sie in ihrem Mobiltelefon. Aber wer hebt um 4 Uhr früh schon ab. Sie erreicht zittrig ihr Ziel. Dreht sich um. Der Mann ist so schnell von der Dunkelheit wieder verschlungen worden, wie er von ihr ausgespuckt wurde. Erst am nächsten Tag sind die Freunde in blau dazu bereit, sich die Geschichte dieses Mädchens anzuhören und detailgetreu aufzuschreiben. Sinnfrei. Denn ihr Tunnelblick richtet sich immer auf das Ziel, nicht auf die Barrieren, die es zu überwinden gilt. Sei es eine Horde angetrunkener Menschen am Straßenrand, sei es ein Zebrastreifen, sei es die Gewalt eines Mannes. Ihr Unterbewusstsein steuert ihren Körper immer genau da hin, wo es am sichersten ist.

Doch ihr Unterbewusstsein vernimmt seit dieser Nacht jeden einzelnen Schuh, der hinter ihrem Rücken geräuschvoll Bodenkontakt aufnimmt. Sie blickt heute nicht nur nach links und nach rechts, sie dreht sich um. Sie, ihr Unterbewusstsein und ihr ganzes Wesen lassen sich heute von einem vermummten Mann mit schwarzer Kappe verunsichern, der ohne böse Absicht schnellen Schrittes hinter ihr geht, um in die nächste Seitenstraße einzubiegen.
Das Mädchen ist Studentin. Sie hat keine Lust 15 Minuten auf einen Bus vom Cinematograph nach Hause zu warten in der heutigen kalten Nacht. Sie hat kein Geld, um sich ein Taxi zu nehmen. Sie geht die 7 Minuten zu Fuß. Und von diesen 7 Minuten verbringt sie 6 damit, über ihre Geschichte nachzudenken und einen sicheren Weg zu ihrer WG einzuschlagen.

Das Dumme ist… nur eine von Innsbrucks Straßen ist zielführend.

Foto: Osaka at dark by Kevin Dooley via Flickr unter CC 2.0

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