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Der berechenbare Rechnungstanz – wie das Kaffeehaus unseren Rollenvorstellungen den Spiegel vorhält

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Nostradamusgleich hat die stellvertretende Chefredakteurin des biber, Delna Antia, die ausbrechende Empörung über die Aussagen in ihrer Kolumne „Bitte Männer, zahlt doch einfach!“ vorausgesehen. Und genau wie prophezeit passierte es auch. Am gleichen Tag noch wird beispielsweise von Seiten der VICE Stellung bezogenWir haben unseren RedakteurInnen etwas mehr Zeit gelassen um ihre Gedanken zu ordnen und sie in Position zu bringen:

Ute (21), Germanistik
Ted Mosby hat uns in HIMYM die Problematik des Rechnungstanzes schon vorgezeigt. Wer muss am Ende eines Dates für den Gaumenschmaus blechen? Wird das arme Papierchen bereits über Essensreste hinweg von einem Tischende zum anderen geschoben und von den Anwesenden übergenau studiert, um sich seinen Anteil auszurechnen? Frau weiß genau, was zu tun ist, damit ihr Geldbeutel keinen Cent leichter wird.

Der Blickkontakt
Während des Dates mögen wir vielleicht vorwiegend Blickkontakt zu euch Männern halten. Geht es aber um die Moneten für das Dinner, findet frau plötzlich die vielen bunten Flaschen hinter der Bar, sämtliche Gäste und vor allem die Dekoration des Restaurants um Längen interessanter als euch. Wieso? Um euren fragenden Blicken auszuweichen, die so viel sagen wie „Soll ich oder sollen wir beide?“. Denn dieser simple unsichere Blick lässt in den Köpfen von Frauen den ganzen Abend nochmals Revue passieren. Und wenn ihr beim 1.Date nicht bezahlt, gebt ihr uns leider das Gefühl, unsere Gesellschaft hätte euch nicht vergnügt.

Die unendlichen Tiefen der Handtasche
Männer wissen ganz genau, dass Frauen gerne ihr halbes Wohnzimmer in ihre Handtaschen packen und spazieren tragen. Daraus resultiert die Vorstellung von einem unüberschaubaren Chaos im Inneren dieser Beutel. Beginnt die Dame dann im Takt des Rechnungstanzes in ihrer Handtasche zu wühlen und vorzugeben, sie finde ihr Portmonee nicht, können die männlichen Begleiter das mehr als nachvollziehen. Ein Gentleman quält sein Date natürlich nicht länger und erlöst sie bereitwillig. Und dafür muss die Frau nicht einmal die Ordnung in ihrem Wohnzimmer durcheinander bringen.

Die Hamsterblase
Hat frau eine eher kleinere Handtasche bei sich, erübrigt sich das ewige Wühlen nach Geld. Aber Schminkzeug hat allemal Platz. Mit der Clutch unterm Arm und einem „Ich muss nochmal kurz…“ entschwindet sie mit Schwung Richtung Toilette. Was sie da so lange tut? Die beste Freundin anrufen, Haarsträhnen an ihren Platz pappen, Wimperntusche anderen Mädels borgen,… Im Grunde gibt sie euch Männern nur Zeit, die Rechnung inklusive großzügigem Trinkgeld zu bezahlen.

Liebe männliche Vertreter unserer Spezies. Tut es einfach. Ohne Fragen und ohne Zögern. Wir werden es euch danken, ihr werdet schon sehen.

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A Blustery Date by Kurt Bauschardt via Flickr

Ulrich (27), Geschichte
Ich zahle gerne. Doch nicht etwa, weil es mir Freude bereitet die Wirtschaft durch meine Mikrotransaktionen am Laufen zu halten oder weil mein Geldspeicher sowieso überläuft (Schön wärs! Aber wie großartig wäre eigentlich ein tatsächlicher Geldspeicher? Mit Sprungbrett und allem Drum und Dran!). Mir geht es dabei darum, jemandem etwas Gutes zu tun und ihm/ihr zu zeigen, dass ich die Gesellschaft genossen habe.

Dabei will ich eigentlich gar nicht diskriminieren, stelle aber trotzdem fest, dass es sehr wohl einen Faktor gibt der mich eher dazu bewegen kann die Rechnung zu übernehmen: die Pläne, die ich für mein Gegenüber und mich in meinem Kopf schon geschmiedet habe.
Das heißt zwar jetzt nicht, dass ich jedesmal die Absicht habe in die Federn zu springen, wenn ich den Kaffee übernehme, meine romantische (oder auch nur körperliche) Sympathie lässt mich aber durchaus öfters das Börserl zucken.

Eigentlich schade, dass ich darüber noch nie eine ernstgemeinte Beschwerde bekommen habe. Ich schätze Selbstständigkeit und eine gewisse Streitfähigkeit sehr. Unterschiedliche Meinungen und deren Diskurs sind, zumindest meiner Meinung nach, essentiell für eine funktionierende Beziehung.

Wenn also nun eine Dame bei unserem Rendezvous es gar nicht für notwendig hält, Einspruch zu erheben sobald ich in den Säckel greife, dann sehe ich darin drei Beweggründe dafür:
1. Sie sieht es als selbstverständlich an, dass der Mann bezahlt und durch finanzielle Potenz seinen Wert darstellt.
2. Sie ist zu sehr „Mäuschen“, als dass sie aufbegehren würde und lässt es einfach mit sich geschehen.
3. Sie hat selber kein Geld.

Kandidatin Nr.1 wird mit mir nicht glücklich werden. Ich bringe mich selbst zwar relativ problemlos über die Runden, die klassische Versorgerrolle kann und will ich aber nicht einnehmen.
Die Krux mit 2 hingegen ist zweierlei: wer seinen Mund nicht aufbekommt, hat das Problem nicht gehört zu werden und mit dem Schmusen wird es wahrscheinlich auch schwierig.
Dame Nr.3 hingegen hat noch alle Chancen. Sofern sie rechtzeitig, ehrlich und klar, idealerweise mit einem leicht verschüchterten, aber niedlichen Blick in ihren grünen Augen ihre missliche Lage dargelegt hat (und nicht ausgerechnet die teuerste Flasche Wein bestellt hat), ist es für mich kein großes Drama zu bezahlen. Sie hat mir ihre Bereitschaft, sich selbst zu behaupten klar dargelegt und mit noch die Option gegeben mich der Situation zu verwehren.

Genau das ist nämlich der Punkt: auch wenn ich oftmals gerne bezahle, so kann das niemand einfach von mir erwarten. Ob ich jetzt finanzielle Potenz vortäuschen möchte oder nicht, das soll immer noch meine Entscheidung bleiben.

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undergrad_Date_1986 by mtnbikrrrr via Flickr

Shira (22), Wirtschaftswissenschaften
Ich habe mich beinahe schon für die Frauenwelt geschämt, als ich den Artikel von Delna Antia über den angeblichen Fehltritt ihrer Verabredung gelesen habe. Er hat die Rechnung am Ende des Abends geteilt? Nein! Wie schrecklich! Mein eigenes Abendessen soll ich selber zahlen? Nie im Leben!

Wir leben doch nicht mehr im 19. Jahrhundert, wo man als Frau noch kein eigenes Geld verdiente. Meiner Meinung nach muss die Rechnung nie von einem getragen werden (egal ob nun Mann oder Frau), außer die Person besteht natürlich darauf oder es gibt einen Anlass dazu. In einem Punkt hat Antia gewiss recht, es ist schön, wenn man zum Essen eingeladen wird, aber das empfinden doch bestimmt auch Männer so. Weshalb also nicht mal den Spieß umdrehen?

Bei mir ist es gang und gäbe, dass man sich gegenseitig zum Kaffee, Bier oder Essen einlädt und die Betonung liegt hier bei „gegenseitig“. Unter mir, meinen Freunden und meinen „Freunden mit gewissen Vorzügen“ ist das alles eine eingespielte Sache, aber wenn man das erste Mal mit jemandem etwas trinken oder essen geht ist das schon etwas verzwickter. Da bin ich dann Freund der Worte, man kann ja einfach darüber reden wie man es machen möchte. So ganz aus der Zahl-Affäre lasse ich mich dennoch selten ziehen, immerhin habe ich ja den Burger gegessen und nicht mein Gegenüber.

Delnas radikale Aussage, dass sich „KEINE Frau verlieben wird“, nur weil er die Rechnung nicht ganz übernommen hat finde ich total oberflächlich und kurzsichtig. Wenn man heutzutage nur noch auf Knigge achten würde, hätte man wenig Erfolg einen geeigneten Mann zu finden. Zeiten ändern sich und das ist auch gut so. Natürlich wollen wir Frauen nicht alle Manieren verloren sehen, aber dass sich Manieren dem Gesellschaftswandel anpassen finde ich nur natürlich.

Vor gut einem Jahr ist es mir das erste Mal passiert, dass meine Verabredung gezahlt hatte, ohne dass ich es mitbekam. Anders als Delna Antia war ich davon nicht verzückt sondern eher verwirrt und habe mich sogar eher übergangen, als als Frau wahrgenommen gefühlt.
Vielleicht bin ich aber auch einfach zu emanzipiert, denn mir reicht es völlig aus wenn mich mein Hormonspiegel jeden Monat daran erinnert wie sehr ich doch Frau bin.

Fotos: Beitragsbild EMANZIPIERT VON DER EMANZIPATION by Christian Mayrhofer via Flickr unter CC 2.0, A Blustery Date by Kurt Bauschardt via Flickr unter CC 2.0, undergrad_Date_1986 by mtnbikrrrr via Flickr unter CC 2.0

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