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Aus dem Leben eines Alkoholikers

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© distill by Keoni Cabral_viaflickr_CC by 2.0

© distill by Keoni Cabral via flickr

Was wäre das Thema Alkoholismus perfekt dazu geschaffen, um in polemischen Tiraden zu versinken! Man könnte den moralischen Zeigefinger ganz hoch halten und Steine nach jenen werfen, die sich durch das Gesöff ins psychische, physische, moralische oder gesellschaftliche Delirium ziehen lassen. „Das kann doch eigentlich gar nicht sein, man muss doch nicht trinken. Ich weiß, wann es genug ist. Probleme kann man auch anders lösen.“ Wenn wir schon bei gedanklichen Schemata sind: Wie stellen Sie sich den typischen Alkoholiker vor? Ist es der Obdachlose am Straßenrand oder erlebt der Alkohol-Abhängige sein gesellschaftliches Revival durch Charlie Harper, in dessen Hand die mit Bourbon gefüllte Kaffeetasse am Morgen so schick aussieht?

Nein, es sind Menschen aus den unterschiedlichsten sozialen Umgebungen mit differierenden Bildungsstandards. Herr F. ist einer dieser Menschen. Ein untersetzter Mann mit aufgedunsenem, rotem Gesicht. Alles in allem eine schmierige Erscheinung, in deren Gegenwart man sich unwohl fühlt.

Hatten wir die Sache mit den Schemen im Kopf nicht abgehakt? Also zurück auf Anfang.

Herr F. ist ein mittelgroßer, schlanker Mann. Sein voller brauner Schopf wird nur von wenigen grauen Haaren durchzogen, was ihn deutlich jünger wirken lässt. Er hat ein sehr freundliches Lächeln und scheut sich nicht, seine Geschichte offen zu erzählen. Seit 2011 ist er Bewohner des Haus Sebastian in Kiefersfelden, einer Einrichtung der Diakonie Rosenheim. Sie umfasst 40 Plätze im Übergangsbereich und 19 Langzeit-Plätze für alkoholabhängige Menschen. Im Haus Sebastian wird nach einem vierstufigen Therapiekonzept gearbeitet, das durch verschiedene Angebote wie Arbeitstrainings oder soziale Kompetenztrainings komplementiert wird. Eben in dieser Einrichtung begann Herr. F seinen Weg aus der Alkoholsucht, heute bezeichnet er sie als sein Zuhause.

Herr F. arbeitet in der Wäscherei des Haus Sebastian und, um seinen Dienst nicht zu vernachlässigen, beschreibt er die Geschichte, die ihn hierher führte, zwischen Wäscheregalen, Bügel- und Waschmaschinen. Herr F. ist gut ausgebildet. Früher arbeitete er als Buchhalter in einem Steuerberater-Büro. Er hat zwei Kinder, die mittlerweile erwachsen sind und ist geschieden. Im Prinzip begann alles im Jahr 1995. Herr F. stand mitten im Berufsleben, seine Söhne waren 10 und 8 Jahre alt. Dann platzte ein Aneurysma, eine Arterienerweiterung, in seinem Gehirn. Geplatzte Aneurysmen führen zu schweren inneren Blutungen und die Sterblichkeitsrate liegt bei manchen Arten sogar bei 100 Prozent. Die Rehabilitation war ein mühsamer Weg. Er lag drei Monate im künstlichen Koma, verbrachte weitere sechs Monate in den Kliniken Innsbruck und Kufstein. Bevor er schließlich wieder ins Berufsleben einstieg, verbrachte er noch zwei Monate auf Rehabilitationskur in Kärnten. Herr F. hat überlebt. Doch das geplatzte Aneurysma hat Spuren in seinem Gehirn hinterlassen. Er konnte sich nicht mehr lange konzentrieren und sein Kurzzeit-Gedächtnis wurde zudem schwer in Mitleidenschaft gezogen. Außerdem sank seine Grenze für Stress-Toleranz.

© _____care by Keoni Kabral via flickr unter CC by 2.0

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Für einen Außenstehenden sind diese Auswirkungen nicht erkennbar, doch für seinen Beruf hatten sie schwerwiegende Folgen. Herr F. einigte sich mit seinem damaligen Chef einvernehmlich, dass diese Stelle wohl nicht mehr die richtige für ihn sei und ihre beruflichen Wege sich daher trennen müssten. Doch der damals 40-jährige Herr F. war durchaus optimistisch mit seiner Ausbildung eine neue Anstellung in der Branche zu finden. Dass das einen Abstieg in der Gehaltsklasse, sowie in der Hierarchie der Positionen bedeuten würde, war ihm klar. Er ging seine Arbeitssuche realistisch an. Auf zahlreich geschriebene Bewerbungen folgten immer nur Absagen. Die zumeist verwendete Begründung: zu alt. Herr F. hatte sich hinsichtlich der Qualitätskriterien einer neuen Stelle keine Illusionen gemacht, aber diese unerwartete Wendung riss ihn in ein Loch der Depressionen. Niemand bemerkte etwas davon und so drehte sich die Abwärtsspirale weiter zu ihrer nächsten Station, dem Alkohol. Zwar gab es auch Phasen, in denen Herr F. nichts trank, aber der Alkohol fand ihn immer wieder und es wurde sogar immer mehr. Um das schlechte Gewissen nach einem erneuten Rausch loszuwerden, ertrank er es im Alkohol.

Eines Tages wurde ihm von seiner Familie geraten, sich Hilfe zu suchen. Zunächst wollte er nicht wahrhaben, dass er ein Problem habe, begab sich schließlich aber doch ins Landeskrankenhaus Hall, um eine Entziehungskur zu durchlaufen. Diesen Schritt tat er im Verlauf seiner Krankheit noch vier Mal, jedes Mal ohne Erfolg. Heute sagt er, dass das für ihn nicht funktionieren hätte können, da der Entzug dort nur sechs Wochen dauerte. Sobald er entwöhnt war, sich eingewöhnt hatte und er wieder ins alte Umfeld zurück kam, warteten die alten Probleme auf ihn. Im Laufe dieser Jahre kam die Scheidung von seiner Ehefrau. Diese verlief reibungslos, es wurde nicht gestritten und da die Kinder noch zur Schule gingen, blieben sie zunächst bei ihrem Vater. Sie haben nach wie vor ein gutes Verhältnis zueinander und Herr F. betont stolz, dass sie immer zu- und ihm auch beigestanden sind. Nach dem fünften Aufenthalt in der Klinik beschloss er, dass es so nicht weitergehen könne und folgte dem Tipp aus dem Bekanntenkreis, der ihn auf das Haus Sebastian in Kiefersfelden aufmerksam machte. Herr F. nahm Kontakt zu der Einrichtung auf und bekam nach drei Wochen einen Platz. Seitdem ist er trocken. Gerade hat er seinen Aufenthalt noch um ein Jahr verlängert, in der Hoffnung, dass danach ein Platz in einer betreuten Wohneinrichtung in Kufstein für ihn frei wird. Alleine zu wohnen traut sich Herr F. noch nicht zu, da er feste Ansprechpersonen brauche.

Die Gedanken an den Alkohol werden wohl nie komplett aus seinem Kopf verschwinden, aber Herr F. hält nichts davon, mit dem eigenen Schicksal zu hadern.

Fotos: © ____care by Keoni Cabral via Flickr unter CC by 2.0

© distill by Keoni Cabral via flickr unter CC by 2.0

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