Geschlecht im Wandel

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Ein scheinbar simpler, dichotomer Begriff wirft bei genauer Betrachtung zahlreiche Fragen auf.

Mainstreaming und Gleichbehandlung

Gendermainstreaming ist ein Begriff, mit dem die meisten Menschen etwas verbinden können. Er bezeichnet die Chancengleichheit für beide Geschlechter auf allen Ebenen der Gesellschaft. Die Europäische Union hat hierzu eine Kommission zur Gleichstellung der Geschlechter eingesetzt, deren Ziel es ist Frauen und Männer auf wirtschaftlicher Ebene gleich zu behandeln, ihnen den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit zu zahlen, Frauen und Männer in politischen Entscheidungsprozessen ausgewogen zu repräsentieren, geschlechtsbezogene Gewalt zu bekämpfen und auch außerhalb der EU für Gleichbehandlung von Frauen und Männern zu sorgen.

Sichtbarkeit beider Geschlechter wird auch auf der sprachlichen Ebene angestrebt. So ist es gang und gebe, in Zeitungsartikeln, wissenschaftlichen Arbeiten und häufig auch in der gesprochenen Sprache zu gendern. Für viele Aktivistinnen und Aktivisten ist es aber nicht ausreichend, das weibliche und das männliche Geschlecht gleichermaßen zu berücksichtigen. Sie streben eine Transformation der deutschen Grammatik an und so wurde 2007 erstmals im Rahmen der Transgender-Tagung Berlin ein Vorschlag präsentiert. Die sogenannten „Sylvain-Konventionen“ enthalten vier Geschlechter, nämlich weiblich (eine Junge, statt ein Mädchen), männlich (ein Junge), sächlich (ein Junges, statt ein Jungtier) und ein drittes Geschlecht (einin Jungin).

Generell zeigt sich eine positive Bilanz, wenn man die steigenden Zahlen von Frauen zum Beispiel im universitären Kontext oder am Arbeitsmarkt betrachtet, aber es eröffnet sich gleichzeitig ein riesiger und scheinbar unerschöpflicher Themenbereich für die Gleichbehandlungsdebatte.

 

Geschlecht und Gesellschaft

Die Genderforschung ist eine relativ neue und rasch wachsende Wissenschaftsdisziplin, die sich aus den durch die Frauenbewegung der 1960er und 1970er Jahre angeregten Women’s Studies in den USA entwickelt hat. Diese befasste sich hauptsächlich mit dem Erleben und Verhalten von Frauen. Ihr Ziel war es, den wissenschaftlichen Androzentrismus, der durch den Ausschluss von Frauen an den Universitäten entstand zu hinterfragen. Heute hat sich daraus eine vielfältige Forschungsrichtung entwickelt, die sich in der Medizin, der Psychologie, den Geistes-, Natur- und Sozialwissenschaften etabliert hat. Sie betrachtet das Geschlecht auf der bio-psychosozialen sowie der kulturellen und der historischen Ebene. Wichtige Begriffe sind „Biological Sex“, „Gender Identity“, „Gender Expression“ und „Sexual Orientation“. Sie alle werden als Kontinuen und relativ unabhängig voneinander beschrieben.

Der Begriff „Gender“, um den sich in der Geschlechterforschung alles dreht, meint das soziokulturelle Geschlecht und hat im Deutschen keine genaue Entsprechung. Die Zuordnung erfolgt auf einem Kontinuum von feminin über androgyn bis maskulin. Die meisten Kulturen leben mit einem System der Zweigeschlechtlichkeit, wenngleich es Ausnahmen gibt.

Die Hijras in Indien zum Beispiel stellen quasi ein anerkanntes drittes Geschlecht dar. Meist sind sie biologisch männlich oder entmannt, lassen sich aber durch Kleidung und Verhalten nicht dem männlichen oder weiblichen Geschlecht eindeutig zuordnen. Vergleichbare Strukturen sind auch in amerikanischen Indianerstämmen, auf der polynesischen Insel Samoa und in der mexikanischen Stadt Juchitan zu finden.

In Europa ist eine so genannte Heteronormativität vorherrschend, was bedeutet, dass es lediglich zwei anerkannte Geschlechter gibt. Dieses Geschlecht, entweder männlich oder weiblich, wird mit Geschlechtsidentität und –rolle, aber auch mit sexueller Orientierung gleichgesetzt. Somit ist eine Frau eine Person mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen und mit weiblichem Verhalten, die das männliche Gegenstück begehrt. Wer sich hier nicht eindeutig zuordnen lässt, fällt durch das Raster.

 

Nepal als Vorreiter

Eines von ungefähr 1500 Babies kommt mit einem nicht eindeutig weiblichem oder männlichem Geschlecht zur Welt. Schätzungen zu folge sind wahrscheinlich zwischen 2,7 und 1,1 % der Männer sowie 1,3 und 0,4 % der Frauen ausschließlich homosexuell und die Zahl der Homosexuellen Ehen in Deutschland steigt stetig. Wissenschaftler behaupten, dass jeder zweite mindestens einmal im Leben eine bisexuelle Phase durchlebt. Zurzeit leben in Österreich ungefähr 300 bis 400 Transsexuelle Personen, die eine Geschlechtsangleichende Operation hinter sich haben. Hinzu kommen Transgenderpersonen, die mittels Crossdressing in die Rolle des anderen Geschlechts schlüpfen oder zusätzlich dazu durch die Einnahme von Hormonen ihren Körper dem anderen Geschlecht angleichen.

Trotz der offensichtlich enormen Diversität ist es in Österreich immer noch Pflicht, ein Geschlecht im Pass anzugeben. Wer dieses ändern will muss ärztliche und psychotherapeutische Befunde vorlegen und sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterziehen, obwohl viele Transpersonen das gar nicht wünschen. Fortschrittlicher zeigt sich Nepal. Der sonst traditionelle Staat hat seit 2013 ein „drittes Geschlecht“ eingeführt, das im Pass neben „männlich“ und „weiblich“ als „andere“ bezeichnet werden kann. Gemeint ist das soziale Geschlecht und schließt alle mit ein, die sich nicht zuordnen können oder wollen.

Im Vergleich zur Europäischen Union scheinen die Nepalesen vorausschauender zu denken. Die Integration eines dritten Geschlechts wäre in Anbetracht der realen Situation aber auch bei uns zukunftsweisend. Fest steht, dass wir uns im Wandel befinden und dass durch die Geschlechterdebatte wahrscheinlich mehr Veränderungen angeregt werden, als ursprünglich geplant.

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