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Prokrastination oder: der Morgen danach

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Albert Einstein sagte einmal: „Wenn man zwei Stunden lang mit einem netten Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden. Das ist Relativität.“ Das Mädchen und der Ofen sind in dieser Gleichung natürlich Variabel. In jedem Fall können wir uns jedoch glücklich schätzen, wenn es jemand verstanden hat, dass man immer und überall Prioritäten setzen muss, obwohl man doch gerne alles auf einmal erledigen würde. Eigentlich. Ehrlich. Wirklich!

Mit ‚wir‘ ist die Gruppe der prokrastinierenden Menschen gemeint. Der Autor dieser Zeilen gibt zu, dass er gelegentlich dazu gehört, und schweigt lieber darüber wie spät er diesen Artikel abgegeben hat. Der Begriff der Prokrastination oder „Aufschieberitis“, der außerhalb sozialwissenschaftlicher und psychologischer Kreise oder Stammtische für klassische Philologie wahrscheinlich eher in Verbindung mit einem medizinischen Phänomen gebracht werden würde, bezieht sich nämlich auf das Aufschieben notwendiger und/oder subjektiv als unangenehm betrachteter Arbeiten.

Laut den Daten, welche die US-amerikanische populärwissenschaftliche Zeitschrift „Scientific American“ zum Thema gesammelt hat, leiden ungefähr 15 bis 20 Prozent der erwachsenen Population an routineartiger Prokrastination. Beschränkt man sich hingegen nur auf die Studierenden, dann betrifft das Problem, laut einer Analyse aus dem Jahr 2007, gar 80 bis 95 Prozent der Population. Nehmen wir andererseits die Daten aus der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“, sind 50 Prozent der Studierenden dazu geneigt die Arbeiten aufzuschieben, wobei 20 Prozent von sich behaupten ein chronischer Aufschieber zu sein. Dass die Arbeitszeit sehr relativ ist, zeigte auch eine Studie, in der Studierende gebeten wurden, ihre Arbeitsbelastung einzuschätzen und dann über Monate hinweg zu protokollieren. Das Ergebnis: ihre Schätzung ergab 36 Stunden, tatsächlich arbeiteten sie durchschnittlich jedoch nur 23 Stunden.

Jetzt könnte man natürlich auf diese Zahlen wie Homer Simpson reagieren – „Aw, people can come up with statistics to prove anything – 14 percent of all people know that!“ – und sie abwinken, aber es ist unbestreitbar, dass wir ein ernsthaftes gesellschaftliches Problem haben. Ein Bild darüber schildern die Folgen eines derartigen Verhaltens, das amerikanische WissenschaftlerInnen ausfindig gemacht haben. Finanziell gesehen verliert man im besten Fall den Überblick über seine Ausgaben, weil man die Bilanzen zu hastig erledigt – im schlechtesten Fall verliert man seinen Job. Auch die Gesundheit leidet daran, denn Aufschieben bedeutet mehr Stress und häufiger auftretende, akute Beschwerden, die sich, gepaart mit dem aus all dem schon logisch hervorgehenden Aufschieben des Arztbesuchs, zu ernsthaften Krankheiten entwickeln können. Schließlich kann ein Aufschieben von kleineren und größeren Arbeiten auch Beziehungen mit anderen Menschen gefährden, weil dadurch eine Charakterschwäche hervortritt, die nicht wirklich reizvoll ist. Durch Befragungen fand man heraus, dass die negativen Folgen des Aufschiebens den Interviewten bewusst sind und teilweise auch eingetreten sind. Die Grenze hin zu einer anderen Handlungsweise konnte jedoch nicht überschritten werden.

Prokrastination hat nichts mit dem Mangel an Intelligenz oder Ehrgeiz zu tun, sondern ist die Folge von unterschiedlichen Denkmodellen wie dem Drang nach Perfektionismus, dem Bedarf nach einem äußeren Druckmittel oder dem Wunsch die überzogenen Erwartungen der Anderen zu erfüllen, sowie der Angst vor Misserfolg, Erfolg oder einer unbekannten Aufgabe. Piers Steel, Professor an der Universität von Calgary, ging so weit, dass er eine umstrittene mathematische Formel entwickelte: der erfolgreiche Abschluss der Arbeit muss klar und die Freude daran groß genug sein, damit es die Frist bis zur Belohnung beziehungsweise Sanktion und die Empfindlichkeit auf äußere Störfaktoren übertrifft, dann wird die Aufgabe schneller erledigt. Kurz gesagt: an der Prokrastination sind anscheinend die Umstände schuld, nicht wir.

Tatsache ist jedoch, dass die Ausredemaschine in unseren Köpfen erfinderisch und stur ist und die menschliche Eigenschaft verdeckt, dass der Mensch sehr anpassungsfähig ist. Das Zauberwort lautet Zeitmanagement. Hier ein paar Tipps dazu:

– Zerlegt die zu erledigende Arbeit in mehrere kleine Arbeitsschritte.

– Stellt euch einen detaillierten Zeitplan zusammen, wann und wo genau ihr welche Arbeit erledigen werdet, oder sollt.

– Denkt nicht im Voraus über z.B.: die Komplexität oder die Form eines Textes, den ihr schreiben müsst, nach – setzt euch hin und fangt einfach an, frei los zu schreiben. Für die Bearbeitung wird noch genug Zeit bleiben.

– Verwendet Hilfsmittel, zum Beispiel eine Software, die bestimmte Internetseiten oder Programme blockiert, um Ablenkungen zu vermeiden.

Unsere westliche Kulturgeschichte ist voll von Dichtern, Denkern und deren Sichtweisen auf die Zeit. Wer eine „Suche nach der verlorenen Zeit“ verhindern will, sollte „den Tag nutzen“, denn „die Länge unseres Lebens ist kurz“ und „jeder Tag, an dem nichts geschieht, ist ein verlorener Tag“. Deshalb rafft euch zusammen und erledigt endlich eure Aufgaben. Gleich nachdem ihr auch den Rest dieser Zeitschrift gelesen habt, natürlich.

von Miha Veingerl

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