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„Kein Fleisch macht glücklich“ – Interview mit Autor Andreas Grabolle

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Foto: Jan Peifer, www.tierschutzbilder.de

Warum das Buch über Fleischkonsum in unserer Gesellschaft?

Als 2008 die Idee entstand, gab es keine große öffentliche Diskussion zum Thema, man dachte nicht wirklich über Fleischkonsum nach. Außerdem wollte ich für mich und meine damals knapp zweijährige Tochter auch mehr darüber erfahren, welche Ernährungsart gesund ist – das war zunächst mein persönlicher Antrieb zur vertiefenden Recherche. 2010 ging mit dem Buch „Tiere essen“ zwar die Diskussion in der Öffentlichkeit los, es fehlte mir aber noch immer eine Übersicht zu den Argumenten für oder gegen Fleisch und viele Bereiche wurden bisher auch gar nicht besprochen.

 

Was antwortest du deiner vierjährigen Tochter, wenn sie fragt „Papa, warum isst du kein Fleisch“?

Ich sage ihr, dass ich nicht will, dass für mein Essen Tiere sterben müssen. Manchmal sage ich auch knapp etwas zu den Haltungsbedingungen. Sie kennt das Bild, wo ich im Putenmaststall bin (s. unten). Ich sage ihr schon, dass die Tiere dort schlecht behandelt werden, aber das ist für sie, wie auch für manche Erwachsene, sehr abstrakt. Ich verbiete ihr aber nicht Fleisch zu essen…

Man wird ständig mit Vegetarismus konfrontiert- er sei gesund, ressourcenschonend und menschenfreundlich. Woher kommen diese Argumente und warum sollten nicht nur Tierfreunde, sondern auch Menschenfreunde Fleischkonsum reduzieren?

Für Fleischprodukte, also für Tierhaltung benötigt man wesentlich mehr Energie, als für die Herstellung pflanzlicher Lebensmittel: für eine tierische Kalorie sind über vier pflanzliche Kalorien notwendig. Ein Drittel der weltweiten Ackerflächen wird nur für Futtermittel genutzt!

Die meisten Tiere werden mit Massen an importiertem Sojaschrot zugefüttert. Dafür wird Regenwald abgeholzt, Menschen aus ihrem Lebensraum vertrieben und Kleinbauern wird ihre Lebensgrundlage entzogen.

70 bis 85 Prozent des weltweit verfügbaren Wassers braucht die Landwirtschaft. Zunehmend mehr davon für die Tierhaltung, vor allem durch die Bewässerung von Futterpflanzen. Zudem wird durch Mastanlagen Grundwasser mit Nitraten, Antibiotika usw., verschmutzt.

Die Klimabelastung steigt durch Methanausscheidung der Wiederkäuer, schädliche Stickoxide entstehen durch massive Düngung der Futtermittel.

Kann man Fleisch, das ökologisch und sozial vertretbar hergestellt wurde, konsumieren?

Wenn man den tierethischen Aspekt ignoriert, dann kann man – denke ich –Tiere essen, die auf Weideland gelebt haben, das sonst nicht für Pflanzenanbau geeignet wäre. Möglicherweise sind auch einzelne Fischzuchten und Wildfänge ökologisch vertretbar und Wildfleisch wäre so gesehen auch eine nachwachsende Ressource. Es ist also möglich, nachhaltig produziertes Fleisch zu essen, aber dieses ist sicherlich nicht in den gängigen Mengen produzierbar, ziemlich teuer und für den Konsumenten zum Teil nicht leicht zu erkennen.

Ist der Mensch nicht Fleischfresser und braucht Tierprodukte für seine Gesundheit?

Foto: Jan Peifer, www.tierschutzbilder.de

Das ist nicht Stand der Forschung. Der Mensch ist Nahrungsopportunist, er hat in seiner Geschichte das gegessen, was zur Verfügung stand. Es gibt aber offenbar Spätfolgen durch übermäßige Ernährung von Tierischem.

Durch die üblichen Mengen Fleisch aus der industriellen Tierhaltung gibt es auf jeden Fall eine Vielzahl an negativen gesundheitlichen Folgen, das ist nicht mehr umstritten. Die Mehrheit der seriösen Ernährungswissenschaftler ist sich einig, dass eine fleischreduzierte oder fleischlose Ernährung gesund ist.

Also brauche ich, um gesund zu leben, kein Fleisch. Warum möchten dann so viele Menschen nicht darauf verzichten oder ihr Konsum reduzieren?

Das ist vor allem Gewohnheit und Bequemlichkeit. Die Argumente für eine fleischreduzierte Ernährung sind ja endlos lang. Zunehmend mehr Menschen verzichten auf Fleisch, weil sie wissen, dass andere sowieso mehr konsumieren als für die Welt verträglich wäre. Einigen sind Tiere auch einfach nicht egal. Vielleicht sind diese Einstellungen eine Charakterfrage, vielleicht hängt es auch stark vom Umfeld ab.

Mich erschrak besonders die Zahl von 200 Millionen unterernährten Menschen, die, unter anderem aufgrund der Nachfrage nach Futtermitteln, unter den hohen Getreidepreisen Hunger leiden.

Gerade in Südamerika werden für Sojaanbau indigene Völker vertrieben. Vielen Kleinbauern wird für Futterflächen ihre Lebensgrundlage entzogen, Menschen werden geschädigt durch Pestizide. Sie sind gezwungen in Städte abzuwandern, haben dort aber meistens kein Einkommen und leiden Hunger.

Teilweise werden Fleischreste, die in den reichen Ländern nicht konsumiert werden in arme Länder exportiert und machen heimische Märkte kaputt. Die deutschen essen vom Hühnchen ja vorzugsweise das Brustfleisch, der Rest wird also in afrikanische Länder exportiert und für einen Preis verkauft, bei dem die heimischen Bauern nicht mithalten können. So wird wiederum deren Lebensgrundlage genommen und das Hungerproblem verschärft sich.

Hat sich dein Bild vom Menschen durch die Recherche verändert?

Ich habe mir alle möglichen Meinungen eingeholt und auch festgestellt, dass manche tatsächlich wohl auf fehlendem Wissen basieren.

Meine Sicht auf die Gattung Mensch hat sich dahingehend verändert, dass ich zunächst den Menschen als fleischfressendes Wesen im Kopf hatte. Das ist aber eine sehr eurozentristische Sichtweise. Der Homo sapiens war, bevor er Europa besiedelte, vermutlich nicht der erfolgreiche Großwildjäger, wie er im Museum gerne dargestellt wird.

Was sich bei mir am meisten gewandelt hat, ist die Sicht auf Tiere. Zum Beispiel habe ich zu Beginn des Buches noch gedacht, dass Fische nicht so ein Schmerzbewusstsein wie Säugetiere haben. Der aktuelle Forschungsstand geht aber in eine ganz andere Richtung und belegt deren bewusste Schmerzwahrnehmung.

Schade fand ich festzustellen, dass auch in der Bio-Landwirtschaft, welche eh nur einen Anteil von 3,8 Prozent am deutschen Lebensmittelumsatz beträgt, viele Abstriche beim Tierwohl gemacht werden und die Wirtschaftlichkeit sehr dominiert.

Wie war die Reaktion bisher auf dein Buch?

Die Industrie reagiert wohl grundsätzlich nicht, die will sich dieser Diskussion nicht ernsthaft stellen.

Von Lesern höre ich, dass sie sich moralisch nicht von dem Buch bedrängt fühlen – ich hoffe, dass es sie trotzdem beeinflusst (lacht). Ich denke, Provozieren funktioniert hier nicht, dann wird das Buch nur wieder weggelegt. Es enthält einfach viele Fakten aus fundierten Quellen, die zum Nachdenken anregen.

Du hast gesagt „man kann sich berechtigt fühlen, einen gewissen Schaden an der Erde zu verursachen“. Was hast du damit gemeint?

Es lässt sich gar nicht vermeiden, irgendwelchem Leben zu schaden. Aber gerade wenn es um fühlende Lebewesen geht, kann man wohl darauf achten, diese Schäden zu reduzieren.

Für die Dinge, die einem wirklich wichtig sind findet man Möglichkeiten, für alles andere Ausreden.

Andreas Grabolle lebt mit Frau und Tochter in Berlin. Er arbeitet selbstständig als Autor für Öffentlichkeitsarbeit und ist Wissenschaftsjournalist. Der Diplombiologe führt ein Büro für Nachhaltigkeitskommunikation.

Infos zum Autor und Buch unter:

www.kein-fleisch-macht-gluecklich.de

ISBN: 3-442-17316-7

Preis: 8,99 €

 

von Sophia Frisbie

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