Begin typing your search above and press return to search. Press Esc to cancel.

Wie die Tiere übern Winter kamen

Am dritten Adventsonntag präsentieren wir euch das russische Märchen „Wie die Tiere übern Winter kamen“.

Ein russisches Märchen

Es waren einmal ein alter Mann und eine alte Frau, die hatten einen Ochsen, einen Hammel, ein Schwein, dazu eine Gans und einen Hahn. Einst sagte der Mann zu seiner Frau: „Weißt du was, Frau, der Hahn ist doch zu gar nichts nütze, wir wollen ihn schlachten, damit wir in den Feiertagen was Gutes zu essen haben.“ „Schön, schlachten wir ihn“, antwortete die Frau. Der Hahn hörte das, und als es Nacht wurde, floh er in den Wald.

Am andern Tag suchte der Mann lange nach dem Hahn, aber er fand ihn nirgends. Abends sprach er wieder zu seiner Frau: „Ich habe den Hahn nicht gefunden, wir werden das Schwein schlachten müssen.“ „Ist recht, schlachte das Schwein.“ Das Schwein hörte das, und als es Nacht wurde, lief es in den Wald davon. Der Mann suchte lange, lange nach dem Schwein, aber er fand es nicht. „Wir werden den Hammel schlachten müssen“, sagte er. „Na schön, schlachte ihn.“ Der Hammel hörte das und sprach zur Gans: „Wir wollen uns davonmachen, in den Wald, sonst schlachten sie uns beide.“ Und sie liefen in den Wald.

Der Mann ging auf den Hof – weder der Hammel noch die Gans waren zu sehen. Er suchte sie lange, sehr lange, aber er fand sie nicht. „Wie geht das zu?“ rief er schließlich. „Alle Tiere sind fort. Nur der Ochs ist noch da, wir werden ihn schlachten müssen.“ „Na, dann schlachte ihn.“ Der Ochs vernahm es und machte sich ebenfalls aus dem Staube. Schön ist’s im Wald zur Sommerzeit!

Unsere Ausreißer freuten sich ihres Lebens und kannten keine Not. Doch der Sommer ging um, der Winter stand vor der Tür. Da kam eines Tags der Ochs zum Hammel und sprach: „Was werden wir tun, lieber Bruder und Gefährte? Die kalte Zeit bricht an, wir müssen uns ein Häuslein bauen.“ Der Hammel gab zur Antwort: „Ich hab’ ein schönes warmes Fell. Ich werd‘ nicht frieren.“ Da ging der Ochs zum Schwein. „Komm, Schwein, es wird kalt, wir wollen uns ein Häuslein bauen!“ „Meinetwegen soll’s kalt sein, mir tut die Kälte nichts. Ich wühl’ mich in die Erde ein und brauch’ kein Haus.“ Da wanderte der Ochs zur Gans. „Gans, lass uns zusammen ein Häuslein bauen!“ „Wozu die Müh’! Ich leg’ mir einen Flügel als Kissen unter und deck’ mich mit dem andern zu, so kann mir kein Frost was anhaben.“ Da ging der Ochs zum Hahn. „Lass uns ein Häuslein bauen!“ „Nein, ich setz’ mich unter eine Tanne, die wird mich vor der Kälte schützen.“

Da sah der Ochs, dass er ganz allein für seine Winterbehausung sorgen musste. „Macht, was ihr wollt“, sagte er. „Ich baue mir eine warme Unterkunft.“ Und er baute sich allein ein Hüttlein, heizte den Ofen und hatte es gar warm und traulich. Es war aber ein bitterkalter Winter in diesem Jahr, und der Frost plagte Mensch und Tier. Der Hammel lief immerfort im Wald herum, um sich zu erwärmen, aber es half ihm nichts. Da kam er zum Ochsen und blökte: „Bäh-bäh, lass mich rein!“ „Nein, Hammel. Als ich dich rief, das Haus mit mir zu bauen, da wolltest du nicht und sagtest, du habest ein warmes Fell.“ „Ach so, du willst nicht? Dann nehm’ ich Anlauf und renn’ dir die Tür ein. So wirst du auch frieren.“ Der Ochs überlegte: „Ich werd’ ihn einlassen, sonst kühlt er mir noch die Hütte aus.“ Und er sprach: „Na, schön, komm’ rein!“ Der Hammel trat herein und machte es sich auf der Ofenbank bequem. Bald darauf kam das Schwein angelaufen. „Lass mich ein“, grunzte es. „Lass mich ein, Ochs, ich muss mich wärmen.“ „Bleib draußen, Schwein. Du kamst nicht, als ich dich rief, das Haus zu bauen. Du fürchtest die Kälte nicht, sagtest du, und wolltest dich in die Erde einwühlen.“ „Lässt du mich nicht ein, so wird‘ ich mit meinem Rüssel die Ecken von deinem Haus unterwühlen, und es stürzt ein.“ Der Ochs dachte nach: „Das Schwein wird noch die Ecken von meinem Haus unterwühlen, und es wird einstürzen.“ „Na schön, komm‘ rein.“ Flink lief das Schwein ins Haus und verkroch sich in den Keller. Gleich darauf zeigte sich die Gans. „Lieber Ochs, mach auf, ich möchte mich wärmen“, gackte sie. „Nein Gans, schlag dir das aus dem Kopf. Du hast ja zwei Flügel. Den einen legst du unter, und mit dem andern deckst du dich zu. So wirst du nicht frieren.“ „Ach, du willst nicht? Dann rupf‘ ich dir das ganze Moos aus den Fugen deines Hauses.“ Der Ochs überlegte ein Weilchen und ließ auch die Gans ein. Sie watschelte in die Stube und setzte sich auf den Herdvorsprung.

Ein wenig später stand der Hahn vor der Tür. „Kikeriki, lass mich ein, lieber Ochs.“ „Nein, wozu? Du wolltest doch unter einer Tanne überwintern.“ „Ach so, dann flieg’ ich aufs Dach, werf’ den ganzen Dachbelag ab, und es wird kalt in deinem Haus.“ Und so ließ der Ochs auch den Hahn ein. Der flatterte ins Haus und setzte sich auf den Balken. Da hausten sie nun zu fünft und zankten sich nicht. Das kam aber dem Bären und dem Wolf zu Ohren. „Wir wollen doch mal hingehen und alle fünf auffressen“, sagen sie. „Dann können wir selber in dem Häuschen wohnen.“

Und sie machten sich auf den Weg. Sprach der Wolf zum Bären: „Geh du voran, du bist groß und stark.“ Sprach der Bär zum Wolf: „Nein, ich bin zu träge, das weiß jedermann. Geh du voran, du bist viel flinker.“ Und der Wolf ging hinein. Doch kaum war er drinnen, ging der Ochs mit seinen Hörnern auf ihn los und drückte ihn an die Wand, der Hammel aber nahm Anlauf und stieß ihn – bauz, bauz – in die Seiten. Das Schwein grunzte aus der Kellerluke hervor: „Ich schleif’ das Beil und wetz’ das Messer, will den Wolf lebendig fressen.“ Die Gans kneipte ihn ins Fell, und der Hahn lief auf dem Balken hin und her und krähte; „Kikeriki, kikeriki, gebt ihn zu mir in die Höh’! Wird’ ihn metzeln, wird’ ihn sengen, wird’ ihn an den Balken hängen.“ Der Bär hörte draußen den Spektakel und sah zu, dass er fortkam. Der Wolf aber rang lange mit den fünfen, bis er sich endlich losriss und fortlief. Er traf den Bären unterwegs und erzählte ihm, was er erlebt hatte: „Nein, das glaubst du gar nicht, wie es mir an den Kragen ging. Da war ein Bauer riesengroß, der hatte einen schwarzen Flaus. Mit der Ofengabel trieb er mich an die Wand und hielt mich grässlich festgebannt. Und ein anderer Bauer, nicht ganz so groß, der hatte einen grauen Flaus, er hieb mir mit dem Axtstiel übern Leib, zum Zeitvertreib. Und einer, der war noch kleiner, in einem weißen Rock, der kniff mich mit Zangen, es war zum Bangen. Und das kleinste Bäuerlein, im feuerroten Röcklein, lief auf dem Balken hin und her und schrie: „Kikeriki, kikeriki, gebt ihn zu mir in die Höh’! Werd’ ihn metzeln, wird’ ihn sengen, wird’ ihn an den Balken hängen.“ Und aus der Kellerluke schrie es laut: „Ich schleif’ das Beil und wetz’ das Messer, will den Wolf lebendig fressen.“

Seither machten der Wolf und der Bär einen großen Bogen um das Häuschen im Wald. Der Ochs, der Hammel, das Schwein, die Gans und der Hahn lebten dort lange in Eintracht und Frieden miteinander.

Beitragsbild: „Winter“ by enneafive is licensed under CC BY 2.0

ein Innsbrucker, der gerne diskutiert, lacht, raunzt, isst und trinkt!