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Zwischen Monogamie und Polyamorie

Was würde passieren, wenn nach der emotionalen Liebesgeschichte zwischen dem Prinzen und der Prinzessin nicht Schluss ist? Was ist, wenn statt dem „lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende“ steht: „Wer bist du und warum spielst du so eine wichtige Rolle in unser beider Leben“? Bigamie, also eine romantische Beziehung zu dritt, ist definitiv nicht Teil der traditionellen Erzählungen zum Thema Liebe. Aber kulturelle Normen sind stets Veränderungen unterworfen, jene rund um die Liebe sind da keine Ausnahme.

Beginnen wir in vertrauten Gewässern. Es ist die Erzählung zweier sich Liebender, man lernt sich kennen, verliebt sich und ist eines schönen Tages ein Paar. Die klassische Geschichte, wie wir sie vielfach aus Film und Fernsehen, der Literatur sowie dem Leben vieler Menschen in unserem Umfeld kennen. Mittlerweile sind die Normen und Fragen nach dem Geschlecht dieser zwei Menschen nicht mehr so wichtig und einengend – oder gar strafbar – wie noch vor einigen Jahren und Jahrzehnten. Das Definitionsmerkmal ist hierbei die Exklusivität. Es ist also die Erzählung einer monogamen Liebe, einer „Einzelehe“, ausschließlich zwischen diesen beiden Menschen. Abweichungen von dieser Norm sind gesellschaftlich geächtet, fremdzugehen und sich Affären zu leisten, wird als moralisch verwerflich gesehen. Das ist einer der Gründe, warum andere Formen romantischer Beziehungen lange Zeit pauschal als schlecht und unnatürlich verurteilt wurden.

Am anderen Ende des Spektrums (zumindest, was die Anzahl an involvierten Personen anbelangt), steht die Polygamie, die „Vielehe“ welche der Polyamorie, der „Vielliebe“ ähnelt. Polygamie meint Ehen im klassischen Sinn oder eheähnliche Beziehungen zwischen mehr als zwei Personen. Diese Art der Ehe ist in Österreich übrigens nicht erlaubt, es ist rechtlich nicht möglich zwei Menschen zu heiraten.

Polyamorie hingegen beschreibt romantische Liebesbeziehungen zwischen drei oder mehr Personen. Es können in beiden Beziehungstypen eine Vielzahl an sexuellen Orientierungen vertreten sein, unter anderem Menschen, die heterosexuell, homosexuell, bisexuell, asexuell oder auch pansexuell sind (Begehren unabhängig vom Geschlecht, inkludiert also auch transgeschlechtliche und nichtbinäre Personen). Wer nun glaubt, dass polyamorös lebende Menschen ununterbrochen Orgien feiern und sorglos ihr Leben genießen, frei von der Verantwortung für das Wohlergehen der Menschen, die sie lieben, könnte sich nicht mehr irren.

Eine monogame Langzeitbeziehung besteht darin, die Bedürfnisse, Erwartungen, Wünsche und schließlich auch den geteilten Alltag gemeinsam zu meistern. Das heißt Kompromisse zu schließen, gut zu kommunizieren und emotionale Arbeit über lange Zeiträume hinweg zu leisten. Wenn neue ernsthafte und tiefe Verbindungen mit mehr als zwei Menschen in diese vielleicht schon bestehenden Beziehungen integriert werden, oder sich ganz neu finden, dann werden die Bedürfnisse, Erwartungen und Wünsche potenziert. Das Resultat: mehr Kompromisse, noch mehr Kommunikation und noch mehr emotionale Arbeit. Kurz gesagt, man bekommt mehr, aber man gibt auch mehr. Die Zeit- und Aufmerksamkeitsressourcen eines jeden Menschen sind begrenzt. Allen Beteiligten einer Poly-Beziehung gerecht zu werden, kann genauso viel Freude und Leid verursachen, wie das potenziell alle romantischen Beziehungen vermögen.

Nun zur Bigamie, einer Form der Polygamie, in welche genau drei Personen involviert sind. Bi, also zwei kommt hier davon, dass jeweils eine Person zwei andere liebt bzw. ehelicht. Oft beschreiben sich Menschen, welche in einer bigamen Beziehung, also einer romantischen Beziehung zu Dritt leben, trotzdem als „poly-people“ und je nach Individuum sind das eher fluide Selbstbeschreibungen oder feste Bestandteile der eigenen Identität.

Hier kann man sich die Frage stellen, warum denn nur zu dritt, wenn man offen ist für die Idee, dass es überhaupt möglich ist, mehr als eine Person zu lieben? Manchmal versuchen polygam bzw. polyamorös lebende Menschen, die eigene Anzahl an romantischen Beziehungen – oder auch die ihrer Partner*innen – zu begrenzen. Das kann die unterschiedlichsten Gründe haben. Dabei geht es neben Eifersucht und Verlustängsten auch um organisatorische Probleme wie begrenzte Aufmerksamkeits- oder Zeitressourcen. Sobald polyamoröse Konstellationen Elternschaft miteinschließen, werden sie tendenziell eher auf Stabilität und Langfristigkeit ausgelegt und daher gewissen Restriktionen unterworfen. Um Anfeindungen und Vorurteilen zu entgehen, werden diese Beziehungen manchmal nur mit dem engsten Umfeld geteilt. Nach außen hin wirken sie wie ein traditionelles Paar, verheiratet mit zwei Kindern, und einem guten Freund, einer guten Freundin, welche eben viel Zeit mit ihnen und den Kindern verbringt und vielleicht auch mal mit in den Urlaub fährt.
Es gibt, wie in monogamen Beziehungen, also viele verschiedene Ausprägungen von Polygamie oder Bigamie. Abhängig ist dies selbstverständlich ebenso von den involvierten Individuen, deren Werten und Präferenzen, aber auch vom konkreten sozialen Umfeld und den gesellschaftlichen Normen im jeweiligen historischen Kontext.

Was hat es nun mit dem Titel auf sich? Wie kann ein Text über Liebesbeziehungen eine Empfehlung beinhalten? Unabhängig davon, ob man kaum oder bereits sehr viele persönliche Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt hat, handelt es sich immer noch um persönliche Erfahrungen, welche sich per Definition schwer auf andere Menschen in anderen Kontexten übertragen lassen. Die Antwort ist ebenso simpel wie enttäuschend: Die Empfehlung in diesem Text bezieht sich nicht darauf loszustürmen und sich möglichst viele (weitere) Partner*innen zu suchen, sondern sich mit dem Thema als Ganzes zu beschäftigen. Es ist eine Einladung, die eigenen (romantischen) Beziehungen und Annahmen, auf welchen eben jene beruhen, zu hinterfragen. Wir alle sind in einem Geflecht kultureller und sozialer Normen aufgewachsen, dass uns und unsere Haltung dahingehend prägt, wen wir wie lieben können (und meinen zu dürfen). Vorbilder wie unsere Eltern, Verwandte, Bekannte, Freund:innen, aber genauso alle Formen von (sozialen) Medien und ebenso die Institutionen die wir durchlaufen, also die Schulen, die Arbeitsstelle beeinflussen und formen unsere Einstellungen. Wo liegt schlussendlich wirklich der Unterschied zwischen familiärer, freundschaftlicher und romantischer Liebe und sind wir wirklich davon überzeugt, dass man nur eine Person lieben kann? Waren wir als Gesellschaft nicht vor gar nicht allzu langer Zeit noch der Meinung, dass nur Männer und Frauen einander lieben können oder dürfen?

Monogamie ist tief verwurzelt in unserer Gesellschaft und bildet ein solides Fundament für viele glückliche Paare. Trotzdem haben wir vielleicht weniger zu verlieren, als wir glauben, wenn wir uns selbst zugestehen, diese Fundamente aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Und vielleicht, nur vielleicht, gelingt es uns dann, die Möglichkeit zu nutzen, ein neues, anderes Fundament zu errichten.

Eine Buchempfehlung für alle, die sich intensiver mit dem Thema befassen wollen: „More Than Two. A practical guide to polyamory“ von Franklin Veaux und Eve Rickert.

Bildquelle: cottonbro, pexels.com