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Under African Skies – Austausch in ein anderes Leben

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„Austausch ist kein Jahr in einem Leben, sondern ein Leben in einem Jahr“, versprach man mir für einen 10-monatigen Schüleraustausch in Ghana, und ich sollte nicht enttäuscht werden. Ein Ausschnitt von einem Gesicht Afrikas, das die Nachrichten nicht zeigen.

Februar 2012, am Golf von Genua, Westafrika. Ich kann nicht recht schlafen heute Nacht. In meinem Zimmer steht die Hitze und ich gehe nach draußen, um mir ein Plätzchen auf unserer Terrasse zu suchen. Eine Weile lausche ich mit geschlossenen Augen den zirpenden Grillen und einem Gespräch meiner Gastgeschwister Prince und Efua. Auch sie finden Gefallen an der kühlen Abendluft. Ein paar Brocken Twi, dieser fremdartigen und doch wohlklingenden Sprache, verstehe ich ja schon! Als ich die Augen wieder aufmache, merke ich, dass der Strom plötzlich ausgefallen ist. Es ist dunkel in der ganzen Nachbarschaft, nur die Milchstraße über mir erstrahlt so klar und hell wie nie.

Ob ich ausschlafen will oder nicht, hat die Hühner meiner Gastmutter noch nie interessiert und so stehe ich am nächsten Morgen auf und nehme als erstes eine kalte Dusche. Rein in die Schuluniform und zum Taxi. Natürlich übersieht niemand „Obroni“ („Die Weiße“) und mein Nachbar grüßt mich freundlich über die Gartenmauer hinweg. Als ich ins Taxi steige, ist es noch morgendlich kühl, aber die Sonne wird auch heute nicht auf sich warten lassen.

cimg3272Mit meiner Gastfamilie am Markt.

So beginnt der Tag. Straßenlärm und aufkommende Staus, weder Klimaanlagen noch Sicherheitsgurt e, dafür Soundsysteme, die einen schon frühmorgens zum Tanzen bringen. Was, du kannst tanzen? Aber du bist doch weiß!? Und auch in der Schule angekommen geht es erst nach dem singen der Nationalhymne und einem Morgengebet in die Klassen. Ich besuche eine islamische Schule, meine zwei besten Freundinnen sind Musliminnen, aber etwa die Hälfte der Schüler sind wie ich Christen.

Gegenseitiger Respekt ist das Maß der Dinge. Kein Wunder: Wieviele verschiedene Ethnien es in Ghana gibt, ist umstritten, aber angeblich spricht man mehr als dreißig Sprachen. Moscheen nebst Kirchen und Naturheilern, aufgeweckt vom Muezzin und in den Schlaf gesungen vom Pastor beim Abendgottesdienst. Egal woher du kommst und was du glaubst– gebetet wird zusammen.  Und dann gibt es noch eine weitere Religion. Die ganze Nation versammelt sich vor den Bildschirmen, wenn ihre „Black Stars“ spielen, und zumindest für neunzig Minuten lässt man den Leuten den Strom. Ein Tor fällt, und der Jubel ist kilometerweit zu hören.

Pünktlich um zwei läutet dann die Schulglocke. Es ist Markttag in meinem Stadtteil und am Heimweg spaziere ich an beleibten Marktfrauen mit Strohhüten vorbei. Hier findet und kauft sich alles: Von den buntesten Stoffen, über frische Mangos und Kokosnüsse zu gebrauchten Autoteilen. „Chopbars“ verkaufen immer Heißes und Scharfes am Straßenrand. Man kocht und isst und wäscht draußen, überhaupt spielt das Leben viel im Freien. Ich fahre zurück in meine Nachbarschaft und werde es noch viele Male tun, bevor ich fünf Monate später zurück nach Österreich fliege.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEye de paa! Banku mit Erdnusssuppe und Ziege.

Juli 2015, am Golf von Genua, Westafrika. Es war mir wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen, bevor ich endlich wieder im Flieger Richtung Ghana saß. Hat sich viel verändert? Wie wird es sein, alle wiederzusehen? Aber als die Türen des Flugzeugs aufgehen und mir wieder dieser ganz eigene erdige Geruch in die Nase strömt, bin ich sofort daheim. Mit Moskitospray im Gepäck wollen meine Schwester und ich diesmal herausfinden, was Backpacking in Westafrika heißt.

Unsere Reise beginnt im Süden des Landes. Dort, wo idyllische Palmenstrände von kalkweißen Slave Castles durchbrochen sind, liegt Accra mit seiner Hauptstadtinfrastruktur. Was immer Europa zu bieten hat, brauchen wir auch hier nicht lange zu suchen. Hotels und Einkaufszentren reihen sich an bunte Straßenmärkte, wo Hausfrauen und herausgeputzte Geschäftsleute leidenschaftlich um billige Preise feilschen. Ein Unabhängigkeitsdenkmal übertrumpft das nächste und der Unicampus ist die grüne Oase der Stadt. Wenige Kilometer die Küste weiter werden Öl und Kakao in alle Welt verschifft. Aber als wir durch Agbobloshie fahren, das Viertel mit dem angeblich größten Elektroschrottplatz der Welt, trübt sich das Bild.

Ernüchtert fahren wir weiter ins Landesinnere nach Kumasi, in die zweitgrößte Stadt. Was für Tirol Andreas Hofer war, ist hier Königin Yaa Asantewaa, die mit ihrem Heer den Widerstand gegen die Briten im Jahr 1900 ein letztes Mal aufleben ließ. Nach Jahren sehe ich endlich meinen Gastbruder Prince wieder. Doch als wir ihn auf den Mt. Afadjato, Ghanas höchsten Berg, jagen wollen, werden wir ersteinmal für verrückt erklärt. Und am Ende wissen wir tatsächlich nicht, ob wir den Berg oder der Berg uns geschafft hat – im drückenden Tropenklima erschöpfen uns selbst 885 Höhenmeter.

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Also zieht es uns bald gen Norden, wo die Schwüle einem Savannenklima weicht und auch die Mentalität irgendwie entspannter ist. Die Fahrt führt an Lehmhäusern wie aus dem Bilderbuch vorbei, die den Temperaturen hier immer schon besser gerecht wurden als die versiegelnde europäische Bauart. Stundenlang geht es über Staubpisten durch das Hinterland – es ist ein Tag, als hätte man uns die Abenteuerlust zum Frühstück gespritzt.

Unser letzter Halt ist dann Mole National Park. Wegen seiner außergewöhnlichen Artenvielfalt soll er eine der Hauptattraktionen Ghanas sein. Und natürlich, weil man super Selfies mit Elefanten machen kann. Aber warum sind wir dann fast allein? Nicht erst jetzt wird uns bewusst, wie touristisch unerschlossen Westafrika noch ist. Mittlerweile sind wir seit vier Wochen in holprigen Bussen unterwegs und kommen nur mithilfe von Mundpropaganda und dem einzigen Reiseführer, der sich in der Hauptstadt finden ließ, voran. Immer und überall fallen wir mit unseren Rucksäcken und unserer Hautfarbe auf, und einmal fragt uns eine Einheimische ganz ungeniert: „Wie fühlt sich eigentlich blondes Haar an?“ – Äh, wiebitte?

Für wen hält man in Österreich eine Weiße, die eine unbekannte Schwarze auf der Straße fragt, wie sich ihre Haare anfühlen? Eine Rassistin, eine Rechte? Auf jeden Fall ein komischer Kauz muss sie sein!

Aber damals als Austauschschülerin war mir klar geworden: In Ghana spricht da die herzliche Art der Leute, mit Unterschieden zu spielen. Und wahrscheinlich hatte die Frau sogar Recht: Auf der Suche nach der Fremde fliegen meine Schwester und ich um den halben Planeten, während sie einfach den Mund aufmacht und die Welt von ihrer eigenen Türschwelle aus gesehen hat.

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Fotos: Regina und Elfriede Hirsch


Anm. d. Red.: Dieser Artikel wurde erstmals in unserer Printausgabe #7 veröffentlicht.

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