New Sounds – Unsere Musikentdeckungen 2015 #1

Die Zeitlos/ Dezember 14, 2015/ Trends

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Das nahende Jahresende lädt dazu ein die Erlebnisse der letzten 12 Monate Revue passieren zu lassen. Filme, Bücher, Reisen und Ausgehabende ziehen vor dem inneren Auge vorbei, werden gemessen, gewogen und für nicht gut genug befunden, bis sich aus den wenigen, die diesen Prozess positiv absolvieren, die jährlichen Bestenlisten ergeben. Hier die Unsrigen aus der Kategorie Musik 2015. Teil 1: Die Mos (-ritz und -nika)

Mo(ritz)

Olli Schulz – „Als Musik noch richtig groß war“
Für meine erste Entdeckung muss ich ganz weit im Jahr zurückgehen. Ziemlich genau in den Wonnemonat Januar, als ich zum Auslandsstudieren in New Orleans weilte. Trotz vollkommener Amerikanisierung wollte ich es mir nicht nehmen, immer wieder mal gen Heimat zu schnuppern. Dazu sah ich mir (fast) jede Woche die wunderbare Sendung „Neo Magazin“ an und dort spielte Olli Schulz. Eben jener Olli Schulz, den ich schon seit seiner Zeit mit dem Hund Marie kenne und der neben lustigen Liedern auch charaktervolle Chansons vom Besten geben kann. So auch dieser Song, den man zwar aus Herrn Schulzes Sicht sehen bzw. hören muss, der aber auch nur zu gerne an die eigene Version des Besungenen zurückerinnern lässt. Oder Kurzum: ein einfach schönes Lied in deutscher Sprache, von dem man im fernen Ausland gerne überrascht wird.

 

OK KID – „Gute Menschen“
Die Entdeckung des zweiten Songs war eher ein Prozess als ein bestimmter Augenblick. Erst durch den „Soundtrack“ von FIFA 14 bin ich tatsächlich auf OK KID aufmerksam geworden, dann bot sich mir die Möglichkeit sie live auf einem Festival abzufeiern und schließlich tauchte das Video von besagtem Titel auf meiner ganz persönlichen YouTube Empfehlungsleiste auf.  Die unterschwelligen Lyrics, mit krass passiv-aggressivem Unterton vom MC Jonas Schubert vorgetragen, gehen unter die Haut und sind genau richtig für das wichtige Thema. Das, zusammen mit dem hervorragend inszenierten Video, sorgt dafür, dass man darüber nachdenkt und, viel wichtiger, darüber diskutiert. Ziel erreicht!

Ezra Furman – „Restless Year“
Die letzte Entdeckung war tatsächlich erst kürzlich, obwohl das Lied des gender fluiden Künstlers aus San Francisco schon Anfang diesen Jahres erschienen ist. Doch (zum Glück) war die Vorgabe ja nur, dass der Song aus dem Jahre 2015 stammen muss. Ganz klassisch habe ich den zweieinhalbminütigen gute Laune Hit auch beim Autofahren entdeckt, bei FM4 natürlich. Seitdem verfolgt er mich, seitdem ertappe ich mich „Uuhla Uuhl“-end durch den M-Preis zu spazieren, seitdem hoffe ich, dass ich ihn am Ende des Jahres noch hören kann, um mich währenddessen an mein ganz eigenes „Restless Year“ zurückzuerinnern.

 

Mo(nika)

Seiler und Speer – „Soits leben“
Wer in diesen Tagen deutschsprachiges Radio hört, wird mit Sicherheit nicht am Duo Seiler und Speer aus Bad Vöslau vorbeikommen. Man mag es kaum glauben, aber diese Band, bestehend aus Komiker und Filmemacher, formierte sich erst kürzlich im Jahr 2014 und charakterisiert sich durch lebensnahe, humorvolle Texte mit niederösterreichischem Dialekt. Ihre Singleauskopplung „Ham kummst“ vom gleichnamigen Album wird zurzeit hoch- und runter gespielt. Dadurch neugierig geworden, habe ich mir die gesamte CD angehört und bin gleich am ersten Song hängen geblieben.
„Soits leben“ strahlt schon allein von der musikalischen Komponente, gute Laune und eine positive Grundstimmung aus. Und das hört man auch in jeder einzelnen Strophe. Es geht ums Leben, um Vergangenheit, Fehler und Träume, um Freundschaften, aber vor allem um die Gegenwart. Seiler und Speer sprechen wahrscheinlich fast jedem aus der Seele und es gibt wohl kaum einen ehrlicheren Text als diesen. Deshalb „ Ein Hoch, aufs Lebn und auf die Wöd, auf dass uns nie wos föd…“

 

Joris – „Herz über Kopf“
Einer der absolut ohrwurmlastigsten Songs dieses Jahres ist ohne Zweifel „Herz über Kopf“ von Joris. Die Musik ist stimmig und flüssig und schon nach wenigen Takten fragt man sich insgeheim wer das eigentlich singt. Joris – noch nie gehört.
Laut einer bekannten Internet-Enzyklopädie war der 26-jährige Sänger Joris Buchholz Mitglied der Indie-Pop-Band Oakfield und erhielt 2014 einen Plattenvertrag. April 2015 erreichte sein Debütalbum „Hoffnungslos Hoffnungslos“ auf Anhieb Platz 3 der deutschen Charts.
Der Text seiner Singleauskopplung spricht für sich, und vielleicht kann der ein oder andere dieses Herz-über-Kopf-Dilemma nachvollziehen oder hat es selber schon erlebt. „Das Herz sagt bleib, der Kopf schreit geh…“ Im Song erfährt man nicht wie sich Joris letztendlich entscheidet oder was das „Richtige“ ist, nur im Video bleibt das Happy-End verwehrt. Liegt es vielleicht an der Lautstärke? Schließlich kommuniziert Joris Herz auf normalem Geräuschpegelniveau, während sein Kopf schreit. Letztendlich muss jeder für sich selber entscheiden wem oder was man in gegebenen Situationen die Priorität gibt.
Für charismatischen und gefühlvollen Gesang kriegt „Herz über Kopf“ von mir ein Like. Weiter so Joris.

 

Roberta Sá – „Me erra“
Last but not least möchte ich euch den Song „Me erra“ von Roberta Sá vorstellen. Ihr kennt Roberta Sá nicht? Das hab ich mir fast gedacht und es ist einer der Gründe um euch diese talentierte südamerikanische Sängerin bekannt zu machen.
In ihrem Heimatland Brasilien ist die fast 35-jährige schon lange kein unbeschriebenes Blatt mehr: Nominierungen wie für den (Latin) Grammy Award und Zusammenarbeit mit anderen nationalen großen Künstlern wie Chico Buarque oder Paulinho da Viola, zeigen ihren Erfolg, der sich vor allem in den Stilrichtungen Samba, Bossa Nova und MPB (musica popular brasileira) begründet.
Ihr kürzlich erschienenes Album „Delírio“ beinhaltet den Song „Me erra“, der so viel wie „Vergiss mich“ bedeutet und den Umgang mit Trennung thematisiert. Nicht schwermütig, sondern leicht traurig, locker und voller „saudade“ wie es nur brasilianische Musik zu sein vermag.
Neugierig geworden? Dann schließt die Augen, lehnt euch zurück, hört rein und genießt langsame leichtfüßig klare Sambaklänge, die mit einem Hauch von Sehnsucht versehen, uns sogar mit offenen Augen von der Copacabana träumen lassen…

 

Beitragsbild: Pendulum Live Concert @ Ancienne Belgique Bruxelles-1335, Kmeron via Flickr unter CC 2.0

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