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Musik der Jugend – Diese Bands haben uns durch die Teenagerzeit gebracht

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Zur Weihnachtszeit verlassen viele Studenten die Stadt um das besinnliche Fest mit ihren Familien und Freunden in der Heimat zu feiern. Allzu leicht kann einen da die Nostalgieklaue packen und ganz fest schütteln, bis auch noch die letzten Jugenderinnerungen aus den Ohren herauskugeln. Das heimliche Rauchen, Schmusereien oder der erste Rausch werden im Kopf plötzlich wieder lebendig und dabei von unseren ganz persönlichen Soundtracks begleitet – der Musik unserer Jugend.

 

Veronika – Nirvana

Und plötzlich fand ich diesen unscheinbaren, schwarzen Ordner im ehemaligen Zimmer meiner neun Jahre älteren Schwester. Ein Relikt aus ihrer Jugend. Ein Stapel Umweltpapier mit
Schreibmaschinenschrift. Ein Stapel voll mit Nirvana Songtexten. Dieser Fund änderte alles – zumindest musikalisch betrachtet. Monate zuvor war ich noch der festen Überzeugung, dass die No
Angels das Nonplusultra der Musikszene wären. Wie ich mich geirrt habe…

In kürzester Zeit wurden Kurt Cobain, Dave Grohl und Krist Novoselić mit ihrer Grunge-Band Nirvana zu meinen größten Idolen. Ich tauschte Buffolos gegen Chucks und bauchfreie Tops gegen gestreifte Schlabber-Shirts und löchrige Jeans. Zahlreiche Abende verbrachte ich damit, mich in meinem Zimmer zu verbarrikadieren und Kurts kryptische Songtexte auswendig zu lernen, die ich
anschließend neben meine Mathehausaufgaben kritzelte („Cut myself on angel hair and babys breath”…was soll das eigentlich bedeuten? Egal!). Ich freute mich wie ein kleines Kind, als ich
entdeckte, dass 6 Minuten und 28 Sekunden nach dem letzten Song von Nevermind noch ein weiterer versteckt auf mich wartete (und dachte, ich wäre die Einzige, die das wüsste). Sirenenhaft
saß ich mit einer Freundin auf italienischen Wellenbrechern und schrie dem Sonnenuntergang „Rape Me“ entgegen. Meine Eltern beglückte ich mit einer waghalsigen Interpretation von „Come as You Are“ auf Gitarre, die ich eigentlich nicht spielen konnte.

Ich fühlte mich von diesem charismatischen, toten Typen aus Seattle so verstanden, wie kaum von jemand anderem in der turbulenten Phase meines Erwachsenwerdens. Zwischen Selbstzweifeln, Protest, Hoffnungen und dem ersten Vollrausch fand ich in Nirvana den Soundtrack meiner Jugend. Vielleicht lag es daran, dass ich in dieser Zeit ähnlich orientierungslos und desillusioniert war wie tausende Jugendliche 15 Jahre vor mir. Vielleicht war es auch die Faszination für diese rohe, unangepasste Musik, die so wenig Mainstream sein wollte wie mein 14-jähriges Ich. Auch wenn ich heute nur noch selten Nirvana höre, hat diese Band meinen Musikgeschmack nachhaltig geprägt. Die Melancholie und der Hang zu düsteren Texten ist geblieben – genauso wie die Liebe zu gestreiften Shirts.

 

Ute – Die Vamummten

Wir schreiben das Jahr 2008, es ist Freitagabend und ich stehe im Bad und glätte mir die schulterlangen blonden Haare, die ich vor wenigen Tagen mit knallpinken Strähnchen versehen habe. Etwas Puder hier und ein bisschen Wimperntusche da, bis ich mich vor den Kleiderschrank begebe und mein Outfit für den Abend raussuche. Eine enganliegende schwarze Jeans, ein schwarzes Top, darüber ein neonpinkes Netzshirt, dazu weiße Schuhe. Das wichtigste Accessoire darf nicht fehlen, ich krame mein Armani-Schlüsselband hervor und hänge es mir um den Oberschenkel. Ich bin noch nicht ganz zufrieden und stülpe mir eine neongrüne Netzarmstulpe über den linken Unterarm.
Zufrieden mit meinem Aussehen mache ich mich auf den Weg in diese eine Bar, in der meine 27 besten Freunde so feiern gehen, als wäre jeden Tag Wochenende. Ein V für die Vamummten und ab auf die knapp bemessene Tanzfläche. Jumpstyle ist längst out, Krochn ist jetzt angesagt, oida. Eine weitere Nacht der endlosen Krocha-Battles beginnt, die Heroes kombinieren das sanfte Gleiten über die Tanzfläche noch mit einer zum Beat passenden Combi von Handbewegungen, die dem heutigen Cyber X-Tronic ähnelt. Bam oida, fix oida.

Oh ja, zwischen perfekt geglätteten Vokis und Neonkappln (alternativ: EdHardy-Kappl) fühlte ich
mich mit meinen 15 Jahren pudelwohl. Und dies war unsere Hymne. Bam oida, fix oida.

 

Ulrich – Rage against the Machine

Wohlbehütet im südlichen Niederösterreich, als Teil einer größtenteils funktionierenden Familie aufzuwachsen gibt einem wenig Gründe zu rebellieren. Die Eltern waren (im Nachhinein gesehen) verständnisvoll, der Freundeskreis groß und trotzdem eingeschworen. Klar die Schule gestaltete sich ein wenig problematisch und mit den Mädels hätte es durchaus besser laufen können, aber den großen Gegner, gegen den man sich zusammenrotten und auflehnen hätte müssen, gab es einfach nicht.
Was tut man nun als junger Mann im besten Empörungsalter? Man nimmt sich die ganz großen Feindbilder zur Brust: den Faschismus, das Geldsystem, die Authoritäten.

Eine gebrauchte M65 ist in Wien schnell gefunden, die Dreadlocks werden D.I.Y. von der großen Schwester einer Freundin „geflochten“ (selbst jetzt bin ich mir immer noch nicht ganz sicher wie Dreads funktionieren) und im Bücherregal stehen Thoreau, Krakauer und Guevara. Einzig der passende Soundtrack fehlt. Doch der ist über die Tauschnetzwerke in diesem Interwebs schnell und antikapitalistisch gefunden:

Es war die Zeit nach den Anschlägen vom 11. September und die USA hatten mit ihrer „Koalition der Willigen“ gerade den dritten Golfkrieg angezettelt. Zwar waren Rage against the Machine zu diesem Zeitpunkt bereits getrennt, doch die Problematiken, die sie schon zehn Jahre zuvor behandelt hatten waren aktueller denn je.
Zusätzlich zur Befriedigung meiner antiamerikanischen Tendenzen eröffneten sie mir auch noch den Zugang zu neuen Themen. Niemals hätte ich vom Kampf der Zapatistas in Chiapas oder dem Fall von Mumia Abu-Jamal erfahren, wenn ich damals nicht den Worten von Zack de la Rocha und Tom Morello gelauscht hätte. Ebenso wäre die unglaublich erfolglose Amnesty International Ortsgruppe Kirchberg niemals entstanden.

Später ist dann aber doch das eingetreten, was ich als junger Dorfrebell niemals für möglich gehalten hätte: ich bin moderater geworden. Meine Wut auf die Welt und die Mächtigen flaute ab. Der irrationale aber doch so unbändige Drang mich gegen irgendetwas aufzulehnen verebbte und auch das Bedürfnis meine Meinung in Musik bestätigt zu sehen verging.

Einige Dinge sind mir aber in dem seither vergangenen Jahrzehnt dennoch geblieben: Tinte unter der Haut, die komplette RATM Diskografie im Regal und eine Stimme im Hinterkopf, die noch immer bei jeglichem Kontakt mit der Exekutive (inklusive MÜG) ein zorniges „Fuck you, I won’t do what you tell me!“ anstimmt.

 

Foto: el DJ del futuro, David via Flickr unter CC 2.0

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