Winterrail: 5 Tage “All you can travel” für Möchtegernaussteiger und Kurzentschlossene

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Der Dezember lässt Ohren und Gartenwasser gefrieren, kühlt aber kein Reisefieber. Wer am PC sitzt, Balifotos klickt und sich im Selbstmitleid suhlt, ist selbst Schuld. Zugegeben, mit der Oversea-Reise übers verlängerte Wochenende wird es vielleicht etwas knapp. Doch der Norden Europas lockt mit seiner winterlichen Schönheit. Das Interrailticket bietet für alle unter 28 eine kostengünstige Variante, mal für ein paar Tage durchzubrennen. Start der Route: direkt am Innsbrucker Hauptbahnhof. Na also, worauf wartet ihr? Ab in den Norden!

Die mit Leuchtstift angestrichenen Tage rund um den 8. Dezember blinzeln mir aus meinem Terminplaner freundlich entgegen. Fünf freie Tage, mehr als ein Studentenwochenende also. Eine kleine Ewigkeit, um genau zu sein. Ein Blick nach draußen: es schneit. Möglichkeit Nummer 1: Ich schnappe mir meinen Laptop und die unversehrte Kekspackung aus der Küche, verkrieche mich in die Untiefen meiner Ikea-Flausche-Daunendecke und netflixe mich durch das Wochenende. Möglichkeit Nummer 2: Die Flucht nach Vorn. Ich packe meinen kleinen, blauen Rucksack, schnappe mir die Winterschuhe aus dem Keller, hol mir ein Interrailticket am Hauptbahnhof und finde heraus, wie weit ich es per Zug in den Norden schaffen kann, um für die Vorlesung am Montag wieder zurück zu sein. Couchpotatoe-Engel gegen Adrenalin-Teufel in meinem Kopf. Und wie immer…gewinnt das Böse.

1. Tag: Moin Moin, Hamburg!

Foto: Judith Rubatscher

Start um 6.20. Der Schnee bläst mir auf dem Weg zu Bahnsteig 4 entgegen. Liebevoll halte ich den Coffee-to-go in den Händen, den mir die verschlafene Angestellte am Bäcker Ruetz ausgehändigt hat. Der Zug fährt ab. Noch im Dunkeln lasse ich die Kristallwelt des Nordtiroler Unterlandes hinter mir. Zuerst Schwaz , dann Kufstein und Umstieg in München, dem Land der aufgehenden Sonne. Die Welt fliegt an mir vorbei. Im Zug finde ich endlich die Zeit. Zeit für die Bill Evans-Playlist, die auf meinem Ipod bereits heimisch geworden ist. Zeit für das Ibsen-Buch, das geometrische Muster auf der Staubschicht am Nachtkästchen hinterlassen hat. Und natürlich Zeit, um an meiner Route zu knobeln und mir ein Hostel für die erste Nacht zu suchen. Hoch lebe das kostenlose Datenroaming! Am frühen Nachmittag erreiche ich Hamburg. Es bleibt Zeit für eine erste Spritztour in die Stadt. Meine Unterkunft ist das Riesen-Hostel Generator gleich neben dem Bahnhof. Zentral gelegen und 24 Stunden geöffnet ist es die perfekte Base für Frühaufsteher und Partyeulen.

2. Tag: Auf hoher See

Foto: Judith Rubatscher

Die Stadt an der Elbe empfängt die Reisenden mit rauer Herzlichkeit. Der Dezembernebel und der kalte Wind stehen der HafenCity nicht schlecht. Möwen schreien, die Signalhörner der Lastkähne tönen in den grauen Himmel und Fahnenstangen klappern im Wind. Ein Besuch der Speicherstadt und der Elbphilharmonie gewähren Ausblick auf die stürmische Nordsee. Wer dem Wind an der HafenCity lieber den Rücken kehren möchte, kann sich ins Innere der Stadt flüchten. Der Alstersee inmitten der Häuserreihen hält für längere Spaziergänge her und ein Weihnachtsmarkt von beachtlicher Größe zieht sich durch die Fußgängerpassage rund ums Rathaus. Der hält außerdem einen kleinen Kulturschock parat. Anstatt Lebkuchenherzen gibt es hier gegrillten Lachs und Fischbrötchen. Hätte man sich ja denken können… Dafür schmeckt der Glühwein genauso (gut?!) wie in Innsbruck. Am Abend geht es weiter nach Kopenhagen.

3. Tag: Wickie und die starken Meerjungfrauen

Foto: Judith Rubatscher

Die Züge des Nordens sind Luxus-Limousinen. Weiche Ohrensessel, ein WiFi, das gestreamte Filme stemmt und Steckdosen in Hülle und Fülle. Auf dem Weg nach Kopenhagen höre ich mich durch die Märchen-Hörbücher des dänischen Nationalautors H.C. Anderson. Gegen Mittag komme ich in der Wikinger-Metropole an. Kopenhagen überrascht mit Dezembersonne. Die Stadt erinnert an eine Märcheninsel. An den Kanälen säumen sich Prunkschlösschen, Parkanlagen und der älteste Jahrmarkt Europas. Einen romantischen Ausblick  kann man vom alten Stadtturm aus genießen, der kostenlos bestiegen werden kann. Aber Achtung, Kopenhagen ist keine Stadt für Kirchenmäuse. Bei wem die Sparsocke nicht ganz so locker sitzt, der sollte Nudelsuppe auf Vorrat mitbringen. Am Abend bleibt Zeit für einen Ausflug in den Freistaat Christiania. Das  Hippie-Viertel gibt es seit 1971. Es handelt sich um eine staatlich geduldete freie Gemeinde in der Mitte von Kopenhagen. Fotos und harte Drogen sind verboten, but for the rest – feel free like back in 69‘.

4. Tag: Den Weihnachtsmännern auf der Spur

Foto: Judith Rubatscher

In Kopenhagen lässt sich noch so einiges entdecken. Das schmucke Viertel Nyhaven hält als Postkartenmotiv für die Insta-Story her. Die richtigen Seemänner- und frauen können in einem der verkehrenden Transport-Boote an der winterlichen Küste entlangfahren und durch das Netz aus Kanälen im Herzen der Stadt tuckern. Köpfe einziehen heißt es bei den niedrigen Brücken in der Gamla Staden. Und noch kurz, um Enttäuschungen vorzubeugen: Ein Besuch der berühmten Meerjungfrau ist nicht unbedingt empfehlenswert. Es handelt sich um einen mickrigen Metallklumpen auf einem Stein, der von einem Rudel hysterischer Touristen mit Selfiestick belagert wird. Wem aber die Zeit lang werden sollte, der sollte lieber den Weihnachtsmann-Groupies weiter in den Norden folgen. In nur 30 Zugminuten erreicht man Malmö im südlichen Schweden. Verbunden werden die beiden Städte durch die imposante Oresund Brücke.

5. Tag: Harzreise

 

Foto: Judith Rubatscher

Auf dem Rückweg mache ich in Göttingen Halt. Im Hostel frühstücke ich mit der Leiterin einer Embryonen-Ausstellung an der Uni Göttingen. Bei ihren Ausführungen bleibt mir kurz der Toast im Hals stecken. Tatsächlich ist Göttingen aber seit 1734 eine der führenden Universitätsstädte Deutschlands, in der mehr als 44 Nobelpreisträger promoviert haben. Der Ort entpuppt sich als uriges, kleines Studentennest. Hohle Kirchenglocken klingen, es riecht nach gebrannten Mandeln und in den kleinen Fenstern der Fachwerkhäuser gehen im morgendlichen Erwachen die ersten Lichter an. Wer heuer keine Parfums und Schokopralinen zu Weihnachten verschenken möchte, der wird hier fündig. In den kleinen Secondhand-Shops und Buchläden verstecken sich Raritäten. Selig kehre ich mit Schallplatten von Pumuckl und Peggy Lee ins Hostel zurück.

Am Montag stehe ich Schlange am Kaffeeautomat wie jeden Montag. Die Umstehenden lassen sich über das viel zu  kurze verlängerte Wochenende aus und präsentieren ihre neuesten Skiverletzungen. Einmal extra viel Zucker und Kaffee für mich, bitte! Wenn die wüssten…

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