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Tinder Gold: Das Warten auf den perfekten Match

Der perfekte Match. Ihr schlendert am Inn entlang, das Leben könnte gerade in diesem Moment nicht besser sein. Hand in Hand lauft ihr dem Sonnenuntergang entgegen und picknickt am Inn-Ufer. Kann das Leben schöner sein? Zeit, den kitschigen Liebesroman wieder zu schließen. Du öffnest deine Augen, denn dein Tagtraum hat dich verlassen, wie eigentlich auch so jede*r Partner*in in deinem Leben und du sitzt bei deinen Freunden, die alle vor Glück schwärmen, wie verliebt sie doch seien.  Du freust dich für sie, aber deine Schmetterlinge haben wohl schon zu viel Glyphosat abbekommen. Du denkst daran, dass dich gerade keiner liebt, oder dass der Mensch, der dir gefällt, dich einfach nicht sieht. Einen Moment lang fühlst du dich einsam und verloren. Doch auf deinen Ego-Booster ist Verlass, Tinder sei Dank.

 

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Am Anfang war ein Match. Alle Funktionen waren neu, jede neue Nachricht ein Art Erfolgserlebnis. Der letzte Flirt aufgrund von Kontaktbeschränkungen schon viel zu lange her. Das macht doch Lust auf mehr. Ist da ein Upgrade auf das kostenpflichtige Tinder Gold vielleicht genau das Richtige? Oder einfach nur Geldverschwendung?

Wie oft im Leben kommt der Gedanke: „wäre doch interessant zu wissen, ob ich dem Menschen gegenüber auch gefalle?“ Tinder Gold macht das im virtuellen Leben möglich. Anstatt groß zu rätseln, ob es wohl zu einem Match kommen wird, bietet die App eine Übersicht an erhaltenen Likes. Doch ist es nicht gerade diese Ungewissheit, die dem Ganzen überhaupt seine Spannung gibt?

Tinder bietet eine Vielzahl an Angeboten, mit der ich nie gerechnet hätte. Aus anfänglich ein paar Likes werden schnell Hunderte, ein paar Tage später sind es schon Tausend. Und jeden Tag werden es mehr. Doch auf einmal hat mich das virtuellen Dating verändert. Ich bin eine Art Mensch geworden, die ich nie sein wollte. Ich sitze im Zug, schau doch nach Tagen mal wieder in die App, nur um festzustellen, dass ich zig unbeantwortete Nachrichten habe, die Zahl an Likes immer weiter steigt und schon langsam auf die Viertausend zugeht. Ich betrachte ein paar Profile, die ich dann doch wieder ablehne, weil ich mir viel zu viel dazu denke. Steht er da oberkörperfrei, sagt die Stimme in meinem Kopf: „das ist doch eh wieder nur so ein Playboy.“  Schreibt er, dass er die große Liebe suche, ist mir das aber zu verbindlich oder ich unterstelle, dass das sowieso gelogen ist. Ein reduzierter Blick auf Oberflächlichkeiten wird zum Maßstab. Wenn er dann wissen will, was ich eigentlich von der App erwarte, wird mir erst klar, dass ich das eigentlich nicht weiß. Will ich hier überhaupt jemanden kennen lernen? Oder bin ich eigentlich nur auf Selbstbestätigung aus und gebe niemandem eine richtige Chance? Ich konzentriere mich wieder auf die Profile, nur um festzustellen, dass mich die hohe Anzahl überfordert. Ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Dann wird es mir zu blöd, und ich suche weiter, doch die Nase ist mittlerweile viel zu hoch, weil ich meine Besseres zu verdienen, weil mir das viel zu hohe Angebot das vermittelt. Es gibt mir das Gefühl alle Möglichkeiten zu haben. Vielleicht passt der nächste Match noch besser? So halte ich einen Moment inne und erkenne, dass wahrscheinlich hinter jede*r*m eine interessante Persönlichkeit steckt, die ich nie kennen werde, da ich mich ja für etwas Besseres halte. Begleitet von einem leichten schlechten Gewissen like ich dann doch ein paar Leute zurück, die dann sofort auch schreiben. Mein Zug ist jedoch mittlerweile angekommen und es werden Tage vergehen, bis ich wieder in die App schaue. Mangelndes Interesse, Stress, fehlende Zeit, um den vielen Menschen zu antworten – die Liste an Gründen dafür ist lang. Die meisten Nachrichten werden in der Flut untergehen. Und wenn ich doch wem schreibe, höre ich recht schnell wieder damit auf.

@pexels.com

Die Qual der Wahl

Ein unbegrenztes Meer an Möglichkeiten, das eigentlich keine Wünsche offenlassen sollte und doch erfüllt es nicht jeden Traum. So erlischt jedes kleinste Fünkchen Romantik, wenn es denn überhaupt mal da war. Für mich geschieht es in dem Moment, in dem mir viertausend Likes aufgelistet werden. Der Nervenkitzel, ob ich überhaupt ein Match bekomme, ist schon lange vergangen. Geschweige denn im Vergleich zum Dating im echten Leben. Die Aufregung, ob uns unser Gegenüber mag – wir kennen sie alle – ungewiss dem Ende, dass uns erwartet, gehört für mich doch irgendwie dazu. Ein überraschender Tinder-Match mag einiges davon abfangen, aber eine Darbietung aller Likes wirkt auf mich eher befremdlich.

 

Was jetzt?

Cornelia Funke schreibt in „Die Wilden Hühner und die Liebe“ „Liebe ist eben genauso ungerecht verteilt auf dieser Welt wie Regen. Die einen kriegen entschieden zu viel davon ab und die anderen zu wenig.“ So schwer ich es mir vorstellen kann, dass wir zu viel Liebe abbekommen können, gibt es doch definitiv zu viele Menschen, die zu wenig Liebe erfahren. Die Vielzahl an Profilen zeigt mir auch irgendwie, wie viele junge Menschen da draußen noch auf der Suche nach ihrem richtigen Deckel sind und vielleicht durch Apps wie Tinder ihre Chancen verbessern können. Doch Tinder Gold braucht es dazu in meinen Augen nicht.  Viele Wege führen zum Ziel und im vergangenen Jahr war es schwieriger sich im echten Leben kennenzulernen. Umso mehr können wir uns jetzt aber darüber freuen, dass langsam alles wieder leichter wird. Und gleichzeitig hoffen, dass sich die Liebe ihren Weg zu uns allen sucht, besonders zu jenen, die zu wenig davon abbekommen.