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FOMO-SAPIENS

Die „fear of missing out“, kurz „FOMO“, hat die westliche Erlebnisgesellschaft fest im Griff. Ständig leben wir in der Angst, etwas Wichtiges zu verpassen. Doch was hat es mit der „FOMO“ auf sich und wie finden wir den „HOMO“ in uns wieder?

 

Das soziale Dilemma

Freitagabend, endlich: das lang ersehnte Wochenende. Eine anstrengende Woche liegt hinter dir und der Stress der letzten Tage steckt dir noch immer tief in den Knochen. Müde lässt du dich zuhause auf deine Couch fallen und freust dich in Gedanken schon darauf, einfach nur zu entspannen, Netflix zu schauen und dich bis auf weiteres nicht mehr bewegen zu müssen. Höchstens ein paar Schritte vom Sofa bis zum Kühlschrank.

Doch dann durchkreuzt ein leises „Ping“ deines Smartphones deine Pläne. Eine ungelesene Nachricht: „Hey, wir wollten heute Abend in die Bar. Ist ja Freitagabend! Alle sind dabei! Kommst du auch?“ Das war‘s dann wohl mit dem gemütlichen Abend zuhause. Alle deine Freunde kommen und du willst bestimmt nicht als Einzige*r nicht dabei sein. Schließlich könntest du etwas Wichtiges verpassen. Von den ganzen Insidern mal abgesehen. Außerdem ist ja auch Wochenende und an einem Freitagabend alleine zuhause sitzen, wenn du stattdessen etwas erleben könntest? Auf gar keinen Fall!

 

FOMO – Fear of missing out

Jede*r von uns war bereits in einer solchen Situation und jede*r von uns kennt dieses Gefühl. Die Angst, etwas zu verpassen. Die „Fear of missing out“ ist ein immer häufiger auftretendes Phänomen und löst vor allem bei jungen Menschen Stress aus. Dabei geht es jedoch nicht nur um einen gemeinsamen Abend mit Freund*innen, wie in diesem Szenario. FOMO ist überall und bestimmt unser Leben sowie unseren Alltag. Ständig fürchten wir uns davor, dass uns etwas Aufregendes entgeht: ein bestimmtes Event oder ein Erlebnis, ein Reiseziel, eine Sehenswürdigkeit, ein tolles Restaurant, ein neuer Kinofilm, eine neue Serie oder ein Modetrend – die Liste ist unendlich.

Auch Social Media verstärkt unsere Angst, etwas Wichtiges zu verpassen. Vor allem durch die Story-Funktion von Snapchat, Instagram und Co wird zusätzlich Öl ins Feuer gegossen. 24/7 werden wir darüber auf dem Laufenden gehalten, wer gerade was unternimmt. Das bedeutet auch, dass uns rund um die Uhr mitgeteilt wird, was wir selbst in diesem Moment eben nicht erleben. Noch schlimmer ist jedoch, dass wir – durch das ständige Checken auf unserem Smartphone – das, was sich gerade im echten Leben abspielt, nicht mitbekommen. FOMO ist also nicht nur Schuld daran, dass wir Angst haben, etwas zu verpassen. Nein, FOMO ist andersherum auch der Grund dafür, dass uns am Ende des Tages wirklich etwas entgeht.

 

Volkskrankheit der westlichen Welt?

Das Phänomen FOMO tritt bei vielen auf, wobei manche Menschen anfälliger als andere sind. Die Ursachen für derartigen Stress und Sorgen sind vielschichtig. Psychische Aspekte und unser soziales Umfeld bedingen und verstärken sich dabei meist gegenseitig.  Auch, wenn es sich bei „fear of missing out“ nicht um eine diagnostizierte psychische Krankheit oder Phobie handelt, wurde die Existenz des Phänomens wissenschaftlich bestätigt und ist immer häufiger Gegenstand von Studien. Dabei spielt vor allem die Angst vor sozialer Ausgrenzung eine wesentliche Rolle, aber auch ein vermindertes Selbstwertgefühl, Unsicherheit und Selbstzweifel können eine Ursache für die „fear of missing out“ sein. Meistens handelt es sich dabei um einen Kreislauf, denn die ständige Angst und der Stress können andersherum auch Auslöser für psychische Erkrankungen sein. So kann beispielsweise ein geringes Selbstbewusstsein die „fear of missing out“ verursachen, welche wiederum zu einer Verschlechterung des Selbstwertgefühls führen kann. Im schlimmsten Fall kann FOMO sogar Ursache für Erkrankungen, wie beispielsweise Depressionen und Suchtverhalten, sein.

 

Erlebnisdrang oder Erlebniszwang?

Auch unser soziales Umfeld trägt wesentlich zu FOMO bei. Wir haben Angst davor, von unserem sozialen Umfeld abgehängt und ausgeschlossen zu werden. Das Resultat: wir füllen unseren Terminkalender bis oben hin voll, hetzen von einem Termin zum nächsten, nur um am Ende des Tages sagen zu können: „Ich war dabei!“, „Ich habe etwas erlebt!“.  Auch der Soziologe Gerhard Schulze beschreibt diesen Trend. Seitdem sich die Lebensstandards allgemein verbessert haben, werden neben materiellen Grundbedürfnissen vor allem soziale Anerkennung und Selbsterfüllung immer wichtiger. Längst geht es nicht mehr darum, etwas zu haben, sondern etwas zu sein. Statt materiellem Besitz steht nun das Erlebnis im Vordergrund. Unser Alltag wird also zu einer Art „Projekt des schönen Lebens“, wobei wir uns ständig mit anderen vergleichen. Der Spruch „erlebe dein Leben!“ bekommt auf einmal eine ganz neue Bedeutung. Was ursprünglich mal als Motivationsspruch angedacht war, ist nun sozialer Zwang. Ständig fragen wir uns, ob es nicht irgendwo noch etwas Besseres gibt, was wir in diesem Moment tun könnten.

 

JOMO – Joy of missing out

Vielleicht hat sich der*die ein oder andere ja selbst schon einmal bei solchen Gedanken ertappt. Wer sich selbst ein bisschen in diesem Artikel wiederfindet, sollte sich jedoch auf keinen Fall angegriffen oder schlecht fühlen. Doch was kann man nun gegen diese nervige FOMO tun? Jede*r von uns war und wird im Laufe seines Lebens mit der Angst, etwas zu verpassen, konfrontiert und das ist auch gut so. Die „fear of missing out“ hat auch ihre Daseinsberechtigung. Wir müssen nur lernen, damit umzugehen und die FOMO für uns selbst positiv zu nutzen. Wichtig ist es, sich die Angst, etwas zu verpassen, bewusst zu machen. Indem wir uns die „fear of missing out“ vor Augen führen, können wir auch uns selbst und unser soziales Umfeld besser kennen lernen.

„Warum habe ich in bestimmten Situationen das Gefühl, etwas zu verpassen? Warum habe ich Angst, als Einzige*r nicht dabei zu sein? Sind die Sorgen, dass mir etwas entgeht, berechtigt? Wie oft werde ich von meinem Smartphone darüber benachrichtigt, was andere gerade unternehmen? Welche Accounts auf Social Media geben mir das Gefühl, dass ich zu wenig erlebe?“. Nur indem wir uns diese Fragen stellen, können wir der „fear of missing out“ entkommen und unsere Leben bewusst so gestalten, wie wir es möchten, ohne dabei Stress oder Zwängen ausgesetzt zu sein.

 

„Ein Erlebnis an und für sich ist wertlos. Es kommt darauf an, was man daraus macht!“

(Jakob Bossart)

 

Ich kann mich bewusst entscheiden, zuhause zu bleiben und den Abend allein in vollen Zügen genießen. Ich kann mich aber auch bewusst dazu entscheiden, Zeit mit meinen Freund*innen zu verbringen. Und das vielleicht auch ohne Social Media zu checken, oder die Notifications sogar ganz auszuschalten. Doch egal, ob ich einen Freitag daheim verbringe oder ausgehe: deine Freund*innen und du selbst sollten trotzdem immer zu dir stehen. Denn letztendlich geht es darum, das, was man hat und wer man ist, zu schätzen und das Hier und Jetzt zu genießen.

 

 

 

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