Tjara-Marie Boine/ März 11, 2020/ Welt

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Langsam kann ich es nicht mehr sehen. Egal wo man sich befindet, man kann der Thematik des COVID-19, umgangssprachlich Coronavirus, nicht mehr aus dem Weg gehen. In den Nachrichten wird nur noch darüber berichtet, alle haben nur noch dieses eine Thema im Kopf. Natürlich ist der Virus eine ernste Angelegenheit, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Aber leider offenbart Corona auch Rassismus, Egoismus und Sensationsgeilheit der Menschen.

Das Ausgrenzen von Anderen

Erst waren es die Chinesinnen und Chinesen, jetzt scheint das neue Feindbild der Ängstlichen das der Südtirolerinnen und Südtiroler zu sein. Letztens habe ich doch tatsächlich einen Kommentar unter einem Facebook-Artikel über die Grenzsperrungen gelesen: „Na toll, in meinem MPreis arbeitet eine Südtirolerin. Da kann ich nun nicht mehr einkaufen gehen“. Da fragt man sich doch, ob dieser Mensch die Intelligenz mit dem Löffel gefrühstückt hat. Nur weil jemand aus China oder Italien kommt, heißt es noch lange nicht, dass diese Person infiziert ist. Das Ausgrenzen dieser fördert einfach nur mehr Rassismus und minimiert nicht die Ansteckungsgefahr.

Damit nicht genug. Rechtspopulisten und Neonazis benutzen das Coronavirus zur Hetze gegen Flüchtlinge und machen Stimmung gegen Migrantinnen und Migranten. Das reichte sogar so weit, dass Menschen Attentatsaufrufe auf Facebook starteten. Kein Witz. Auch FPÖ-Politiker Herbert Kickl forderte zuletzt auf YouTube eine pauschale Quarantäne für „illegale Flüchtlinge“. Kommentare unter dem Video wie „Das ist gut, gar keine Immigranten wären noch viel besser“, ließen dabei natürlich nicht lange auf sich warten. Bei sowas habe ich manchmal das Gefühl, den Glauben an die Menschheit zu verlieren. 

Hamsterkäufe

In Österreich, beziehungsweise Innsbruck, sieht die Einkaufssituation ja noch einigermaßen normal aus. An Klopapier mangelt es uns auf jeden Fall noch nicht. Ganz anders in einigen Teilen von Deutschland und Italien: leere Regale wo man nur hinsieht. Weil sich irgendein 35-jähriger gedacht hat, bevor jetzt die Welt untergeht – erst einmal mit 50 Packungen Klopapier zudecken. Wenn morgen die Welt untergeht, wollen wir schließlich noch in Ruhe einen abseilen. Und wahrscheinlich sind es auch noch genau die Menschen, die jetzt Hamsterkäufe beginnen, die Flüchtlingen aus Syrien unterstellen, sie könnten doch ruhig mal in ihrem Land bleiben – der Krieg sei schon nicht so schlimm. Also schnell mit Nudeln, Konserven und besagtem Klopapier eindecken, dann kann nichts mehr schief gehen. Dabei sollte uns doch allen bewusst sein, dass Hamsterkäufe weitere Hamsterkäufe befördern. Wenn man sieht wie die Regale leer werden, denkt der nächste daran, doch noch mehr einzukaufen und zu hamstern. Es ist der Gruppenprozess der schädlich für alle ist. Im Übrigen ist Seife in den meisten Supermärkten noch erhältlich.

Hamstereinkäufe im Supermarkt sind leider keine Seltenheit mehr.

Unnötige Panikmache

Angst ist auch ein Virus. Der sich deutlich schneller verbreitet als die eigentliche Krankheit. Nicht ganz unschuldig daran sind die vielen Online-Magazine und Nachrichten. Ein super Beispiel ist da die BILD-Zeitung. Die hat letztens mit der riesigen Schlagzeile „Abgeriegelt! Corona-Alarm im Kölner-Knast!“ einige Klicks gesammelt. Dass es nur einen Verdacht auf eine Corona-Erkrankung gab und nicht alle infiziert sind, kam dann etwas später heraus. Aber Hauptsache erst einmal eine möglichst schlimme Überschrift wählen und damit weiter Panik verbreiten. Nicht nur die BILD-Zeitung kann das gut. Facebook ist generell ein gutes Beispiel dafür – egal wo man hinsieht, es erscheinen Artikel mit den Titeln „Eilmeldung“ oder „Viel mehr Infizierte als wir dachten?“. Anstatt sachlich über das Thema zu berichten, wird auf Panikmache und Klicks gesetzt.

Diebstähle und das Weiterverkaufen von Desinfektionsmitteln

Seit dem Ausbruch des Coronavirus sind so gut wie überall die Vorräte an Desinfektionsmittel knapp. Flaschen werden teuer im Internet verkauft, der Preis ist um ein Vielfaches angestiegen. Willkommen im Kapitalismus, Freunde! Doch es geht noch härter: Vor ungefähr einer Woche wurden verschiedenen Städten in Deutschland, darunter Münster, Hamburg und Lübeck, Desinfektionsmittel und Schutzkleidung in großen Mengen gestohlen. Dabei ist die Methode des Händewaschens sogar wirksamer als Handdesinfektionsmittel. Und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sowie Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern benötigen sie viel dringender als wir.

Selbst Masken wurden gestohlen – von denen jetzt hoffentlich alle mal wissen, dass sie nur andere Leute schützen, wenn man selbst infiziert ist. Und auch nur wenn man eine bestimmte Schutzmaske verwendet. Sich davor schützen zu wollen, sich selbst nicht anzustecken, bringt mit einer Maske rein gar nichts. Vor allem, weil die meisten dann in dem Trugschluss rumlaufen, sie seien so geschützt, dass sie die Hygienemaßnahmen wieder ignorieren. Und dabei lautet das ewige Mantra momentan doch „Wascht euch die Hände! Mindestens 20 Sekunden lang.“ und auch ja nicht in das eigene Gesicht fassen. Und so schwer kann das doch nicht sein, das sollten wir schließlich schon alle im Kindergarten gelernt haben. Kleiner Tipp: Beim Hände waschen, zwei Mal im Kopf das ABC singen – das sind genau 20 Sekunden und bekommt bestimmt jedes Kleinkind hin.

Hände waschen ist die einfachste Methode, um den Übertragungsweg von Viren zu unterbrechen.

Corona first

Zum letzten Punkt, der mich an der Coronavirus-Panikmache nervt: Das Ausblenden anderer Krankheiten und Ungerechtigkeiten in der Welt. Ungefähr 38 Millionen Menschen leben mit HIV, 2.3 Millionen Neuansteckungen kommen jährlich dazu. Trotzdem muss andauernd Werbung für Kondome geschaltet werden, weil sich kaum jemand mehr damit beschäftigt. Laut WHO sind weltweit 9.8 Millionen Menschen an den Masern erkrankt und 140.000 im vergangenen Jahr daran gestorben. Die Chance an einer Infektion zu sterben, liegt bei 10% und knapp 30% tragen Langzeitschäden davon. Und Trotzdem demonstrieren Eltern gegen die Impfpflicht. Aber dann bricht Corona aus und die Wirtschaft ist in Gefahr – klar, dass es dann kein anderes Thema mehr gibt. Hätten die Medien und die Menschheit so viel Energie auch in die Thematik des Klimawandels gesteckt, hätte es uns eindeutig mehr gebracht. Bei dem Ausmaß der Veranstaltungsabsagen, die jetzt kommen, merkt man wieder: Die Politik tut bewusst mehr für den Coronavirus als etwas gegen die Klimakrise, Ausbeutung oder Rechtsextremismus zu unternehmen.

Natürlich ist der Coronavirus nicht ohne und ich will die Thematik auch keinesfalls runterspielen. Ja, wir sollten uns Gedanken machen wie wir mit solchen Krisensituationen umgehen. Ja, wir sollten als Gesellschaft gemeinsam handeln. Und ja, uns auch um Risikogruppen kümmern. Aber in Panik zu verfallen und sich für Ausgrenzung, anstatt für Zusammenhalt stark zu machen bringt uns in dieser Zeit rein gar nichts.

#IMHO: In My Humble Opinion – Meiner bescheidenen Meinung nach

Wenn ihr wissen möchtet, wie es sich anfühlt in COVID-19-Quarantäne zu sein, schaut doch hier in unserem letzten Artikel vorbei.

Titelbild: via Unsplash by CDC
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