أهلا وسهلا. Welcome. Willkommen. – Ein Interview über das Projekt „Flüchtlinge Willkommen“

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Die Grenzen nach Europa sind dicht. Unzählige Flüchtlinge warten in Idomeni auf die Weiterreise ins Ungewisse – es gibt kein Vor und kein Zurück. Zuhause in unseren gemütlichen Wohnzimmern werden wir überflutet von Bildern aus Kriegs- und Krisengebieten, die schon so zu unserem Alltag gehören, dass wir sie in unserer heilen Welt gar nicht mehr richtig wahrnehmen. Fakt ist aber, geflüchtete Menschen sind nun Teil unserer Gesellschaft. Wir haben uns die Frage gestellt, welche Möglichkeiten es gibt, Flüchtlinge zu integrieren und sich selbst zu engagieren. Bei unseren Recherchen sind wir auf den Verein „Flüchtlinge Willkommen“ gestoßen. Durch das Projekt wird freier Wohnraum in Wohngemeinschaften möglichst kostengünstig an geflüchtete Menschen vermittelt, um ihnen eine schnelle und problemlose Integration zu ermöglichen. Wir haben mit Marina, Masterstudentin an der Uni Innsbruck, über ihr ehrenamtliches Engagement und das Projekt gesprochen.

 

Die Zeitlos: Wird sich die Arbeit von „Flüchtlinge Willkommen“ durch die Grenzschließung verändern?

Marina: Diese Veränderungen haben momentan keine Auswirkung auf unsere Arbeit. Wir haben gerade sehr viele Anmeldungen seitens geflüchteter Menschen. Das Projekt wird also in Zukunft nicht stillstehen.

Marina, mal von Anfang an. Wie bist du zu diesem Projekt gekommen?

In den Semesterferien unterhielt ich mich mit einer Freundin über verschiedene Projekte, mit denen man Flüchtlinge nach ihrer Einreise unterstützen könnte. Eine wiederum gute Freundin von ihr ist eine der Gründerinnen des Projekts in Deutschland. Zurück in Innsbruck, informierte ich mich erst mal, ob es auch österreichische Ansprechpartner gibt und schon wurde ich an Franzi, die Leiterin des Teams für Tirol weitergeleitet.

Konntet ihr in der Vergangenheit schon Erfolge verbuchen?

Auf jeden Fall! Mehrere Vermittlungen haben bereits erfolgreich stattgefunden. Wir erhalten enorm viele Anmeldungen von geflüchteten Menschen, die sich sehr über das Angebot freuen, vom Flüchtlingsheim in eine „richtige“ Wohnung mit Einheimischen zu ziehen und sich so besser einleben zu können. Der Prozess von Anmeldung bis tatsächlichem Einzug nimmt allerdings nicht selten viel Zeit und Organisation in Anspruch. Deshalb sind derzeit auch viele Vermittlungen noch in Arbeit.

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Mit welchen Problemen habt ihr zu kämpfen?

Das wohl größte Problem sind die mangelnden Anmeldungen von Studenten-WGs, die wir mit dem Projekt besonders ansprechen wollen. Innsbruck ist voll von Wohngemeinschaften, in denen die Bewohner von Semester zu Semester wechseln und oft Zimmer frei werden. Deshalb arbeiten wir momentan stark daran, „Flüchtlinge Willkommen“ vor allem an der Uni publik zu machen.

Ein weiteres Problem liegt darin, dass viele Anmeldungen nachträglich zurückgezogen werden, weil das Zimmer doch anderweitig genutzt wird oder die Personen es sich noch einmal anders überlegt haben. Ein ganz wichtiger Aspekt bei „Flüchtlinge Willkommen“ ist ja, dass keine Anmeldung verbindlich ist, sprich wir zwingen weder die geflüchtete Person noch den Wohnungsanbieter zum Zusammenziehen. Falls es beim Kennenlernen nicht so gut harmoniert, dann ist das eben so – genau wie bei einem „normalen“ WG-Casting.

Wie wird der Kontakt zwischen Vermieter und Flüchtling hergestellt?

Der persönliche Kontakt entsteht, wenn man der geflüchteten Person eine passende WG anbieten kann. Meldet sich eine WG über das Portal auf der Website an, suchen wir nach einem möglichst passenden Kandidaten. Zwischen WG und potentiellem neuen Mitbewohner wird dann ein Treffen arrangiert, zu dem möglichst immer einer unserer Team-Mitglieder mitkommt, um ein wenig das Eis zu brechen. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder alle können sich ein Zusammenleben gut vorstellen oder eben nicht. Bei den anfallenden Behördengängen bemühen wir uns auch immer dabei zu sein und als Ansprechpartner für beide Parteien weiterhin da zu sein.

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Wer finanziert das Projekt?

Zur Finanzierung des Ganzen gibt es 3 Möglichkeiten: Die erste (und praktischste) ist natürlich, wenn der Wohnraum kostenfrei zur Verfügung gestellt werden kann. Ist dies nicht möglich, kann auf den Mietzuschuss, den der Geflüchtete in der Grundversorgung erhält, zurückgegriffen werden. Dies sind pauschal 120 Euro. Sollten für das Zimmer höhere Kosten anfallen, gibt es die Möglichkeit sogenannte Mikrospenden zu sammeln. Diese kommen meist von Verwandten, Bekannten, Freunden oder der WG selbst, die mit einer kleinen Spende schon viel bewirken können. Die letzte Option sind Spenden von außenstehenden Personen, die sich separat an das Projekt gewandt haben und bereit sind einen gewissen Mietbetrag zu übernehmen.

Hast du selbst einen Flüchtling aufgenommen?

Ich selbst lebe in einer 3er-WG und wir hatten seit ich das Projekt kenne, kein Zimmer frei. Vorstellen könnte ich mir die Aufnahme einer geflüchteten Person aber auf jeden Fall. Gerade weil bei dem Projekt im Vordergrund steht, dass die „Vermieter“ und der neue Mitbewohner gut zueinander passen. Ich denke man sollte nicht die Betonung darauf legen, dass man einen Flüchtling einziehen lässt, sondern einfach eine Person, mit der man sich gut versteht und der man mit so einer kleinen Geste einfach etwas Gutes tut.

 

Wenn ihr jetzt denkt, dass das Projekt „Flüchtlinge Willkommen“ eine gute Sache ist, dann schaut doch mal auf ihrer Homepage vorbei. Dort findet ihr weitere Informationen zum Verein und darüber, wie ihr selbst aktiv werden könnt. „Flüchtlinge Willkommen“ freut sich immer über helfende Hände, die sie tatkräftig unterstützen. Aber auch das Reden über das Projekt mit Freunden, Familie und Fremden hilft insofern, dass diese Thematik im Alltag bewusster wahrgenommen wird.

 

Von Victoria Dutter und Veronika Schmidt

Fotos: Veronika Schmidt, Flüchtlinge Willkommen

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