Kuschelkultur – Die Zeitlos beim Schlafzimmer-Festival

Share

Kultur und Schlafzimmer, diese zwei Dinge haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Beim Schlafzimmer-Festival schon. Die Idee: Kultur genießen, und zwar genau da, wo sonst nur der Laptop zur Bühne wird und Netflix die Vorstellung liefert – gemütlich im Bett. Am vergangenen Samstag, den 18. November, wurde das Festival aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und brachte zum zweiten Mal Musik, Theater und andere kulturelle Acts in die Innsbrucker WGs. Die Zeitlos war dabei.

 

Worte über Worte

Um 18 Uhr geht es los. Unsere erste Session findet in einer WG in der Höttinger Gasse statt. Zwischen Tür und Angel werden aus logistischen Gründen noch die Namen aller Ankömmlinge auf einer Liste abgehakt, beim Betreten der Wohnung fühlt man sich bereits, als wäre man bei Bekannten zu Besuch: „Hey, schön, dass ihr da seid. Getränke gibt’s da in der Küche.“  Die Stimmung ist entspannt und bald machen es sich alle in dem großen WG-Zimmer gemütlich. Die Vorstellung beginnt mit „die’dichten“, einer Gruppe sprachbegeisterter Studenten, die sich regelmäßig trifft, um selbst verfasste Texte vorzutragen und zu diskutieren. Nach und nach erheben sich die fünf Dichter aus allen Winkeln des Zimmers und hüllen den Raum in Stimmengewirr, das schließlich in Einzelvorträge übergeht. Mal nachdenklich, witzig oder poetisch fesseln „die’dichten“ ihre Zuhörer mit Worten über Worte.

 

Kuschelige Kultur in Innsbruck

Kultur – alternativ  und gemütlich: So lautet die Idee, die hinter dem Schlafzimmer-Festival steckt. Kathrin Treutinger, die das Festival gemeinsam mit Madeleine Meurer organisiert, erlebte das Format zum ersten Mal während ihres Auslandssemesters in Rotterdam und war begeistert. So sehr, dass sie beschloss, in Innsbruck ein ähnliches Projekt zu starten. Anfang 2017 feierte die Kulturkuschelei Premiere. Am vergangenen Samstag wurde sie nach einem 10-monatigen Nickerchen wiedererweckt und lockte fast 200 Besucher in die Schlafzimmer der WGs.

 

Postboten im Schlafzimmer

Session 2 führt uns zu einer Improtheater-Vorstellung in die Altstadt. In dem großen WG-Zimmer sitzen die Zuschauer schon kuschelig bis an die Tür, damit drinnen genügend Platz für die Show bleibt. Nach einer gemeinsamen Aufwärmrunde legen die drei Schauspieler der Theatergruppe „Innpro“ los. Die Rahmenbedingungen für die verschiedenen Szenen bestimmt das Publikum. „Drei, zwei, eins, los!“ Der Countdown beamt uns von holländischen Gesangsshows mit Ausdruckstanz über Schwimmbadkamikaze und Cowboys zu Beziehungskrisen und Postboten im Schlafzimmer. Die Session fühlt sich an wie ein Powernap aus Lachern, Erstaunen und Begeisterungsjubel: Als sie vorbei ist, wünscht man sich kurz, sie würde noch weiter gehen, aber gleichzeitig kann man es kaum erwarten, in der nächsten WG einen neuen Beitrag zu erleben.

 

Individuelles Traumprogramm

Sieben WGs konnten die Organisatorinnen dieses Mal für die Schlafzimmer-Sessions gewinnen. Als Gastgeber bewerben, kann man sich online. Wichtig dabei ist vor allem, dass ein WG Zimmer bequeme Sitzplätze für etwa 25 Leute bietet. Pro Wohnung finden schließlich drei verschiedene Sessions statt. Diesmal im Repertoire: Musik, Tanz, Comedy, Theater, Lyrik und Storytelling. Bunt gemischt, lieber dreimal Musik oder doch gemütlich einfach in einer WG bleiben – als  Festivalbesucher entscheidet man im Voraus, bei welchen Sessions man dabei sein möchte.

 

Kuschelrock war gestern

Nach „die’dichten“ und „Innpro“ steht für uns noch Musik auf dem Programm. Steffan Pfattners Reggae scheint sich in dem WG-Zimmer zwischen Kissen, Unibüchern und Reisesouvenirs schon bei den ersten Tönen so richtig wohl zu fühlen. Gitarre und Gesang lassen die chilligen Rhythmen und eingängigen Beats durch den Raum wabern. Köpfe nicken, Füße tippen und bei bekannten Songs wie „Autobahn“ von den Ohrbooten stimmt das Publikum auch gesanglich mit ein. Zum Ende des Konzerts holt sich der Singer und Songwriter Unterstützung von Hip-Hop-Newcomer Ricky Roots. Dieser war bereits bei der vorherigen Session in der WG aufgetreten. Mit einer melancholischen Combo aus Reggae und Rap ziehen die beiden Südtiroler die Zuhörer in ihren Bann, bevor wir uns mit den Sounds noch im Kopf zur Bäckerei aufmachen.

 

Afterparty in der Bäckerei

Den ganzen Festivalabend lang liefern sich die Künstler eine virtuelle Kissenschlacht, indem die Besucher online über den beliebtesten Act abstimmen. Der Gewinner tritt zum Abschluss bei der Afterparty in der Bäckerei auf. Die Gerüchte, wonach das Impro-Duo Lucas und Emanuel die Abstimmung, wie schon beim ersten Schlafzimmer-Festival, für sich entschieden hätte, lösen sich auf, als die Gracenotes zum Publikumsfavoriten gekürt werden. Mit eigenen Kompositionen und bekannten Klassikern übernimmt die fünfköpfige Irish Folk Band das Festival-Finale, bevor die Besucher in die Afterparty und zu späterer Stunde wieder in die heimischen Betten entlassen werden.

 

Schlafzimmer-Festival Vol. 3

Für alle, die gerne (wieder) beim Schlafzimmer-Festival dabei sein möchten: Im Frühjahr 2018 soll die Veranstaltung in die dritte Runde gehen. Aktuelle Infos gibt’s auf der Website und über Facebook.

 

Fotos: Lisa Probst

Share